Im BLICK : Aufdröseln, nicht durchhauen

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Ja, die Sehnsucht nach Führung. Immer wenn es ein bisschen komplexer wird, wenn es in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft nicht so läuft, wie man sich das wünscht, wenn die Verknotungen etwas unübersichtlich werden, dann stellt er sich offenbar ein – der Wunsch nach Führung. Klare Kante. Kavallerie.

Nein, die Sozialdemokraten sind gewiss nicht die einzigen, die bei der Kanzlerin Führung vermissen. Aber sie reden derzeit gern und viel darüber. Sie vermissten ihre Führung ja schon in der großen Koalition. Als bekanntlich vor allem die SPD geführt hat. Mit Müntefering, Steinmeier, Steinbrück. Männer in der Nachfolge Helmut Schmidts, der schon immer wusste, wie man politisch führt. Von dem aber auch der Satz stammt: „Es gibt keine Richtlinienkompetenz gegen Brandt und Wehner.“ Das war so um 1967, lange her, auch eine große Koalition.

Schmidt hat das damals nüchtern und auch völlig richtig gesehen: In einer Koalition, zumal mit zwei etwa gleich starken Partnern, kann der Kanzler oder die Kanzlerin gar nicht so führen, wie er oder sie vielleicht möchte. Weil die Partei, die den Chef nicht stellt, sich nicht führen lassen will. Wäre ja noch schöner. Weshalb sich auch in der zweiten großen Koalition praktisch zwei Regierungen am Kabinettstisch trafen: die eine schwarz, die andere rot, jede für sich geführt und koordiniert. Und vorne dran Frau Merkel, die Nicht-Führende. Eigentlich müsste der Artikel 65 im Grundgesetz lauten: Der Bundeskanzler bestimmt die Richtlinien der Politik nicht allein, aber trägt dafür die Verantwortung. In Europa gibt es übrigens keine Richtlinienkompetenz der deutschen Kanzler. In Europa muss man zusammen führen. Das ist nicht einfach.

In all den Führungsdebatten, diesem Verlangen nach mehr Autorität, schwingt unterschwellig immer auch eine verdrängte Sehnsucht nach dem Autoritären mit. Die gibt es unter Politikern, Journalisten, im ganzen Volk. Es soll mehr durchregiert werden. Nicht diese ewigen Konferenzen, Gipfeltreffen und Vermittlungsausschüsse. Den gordischen Knoten mühsam und zeitraubend aufdröseln? Ach was, durchschlagen muss man ihn! So wie einst Alexander der Große. Ein Führungspolitiker.

Wirklich? Erich Kästner zumindest hat den großen Helden einmal als eher kleinen Unhelden beschrieben. Kein Vorbild für niemanden. Denn den Knoten aufzuknüpfen lautete die Aufgabe. Nicht durchzuhacken. Kästner schrieb seinen Aufsatz dazu im Jahr 1947. Schon wieder seien die „Anhänger der Säbeltheorie“ unterwegs, befand er, während sich andere damit abmühten, die politischen „Schicksalsverknotungen“ friedlich zu entwirren. Das ist es aber, daheim wie in Europa, was Politik ausmacht: Knoten auflösen. Nicht durchschlagen. Der Säbel ist übrigens die Waffe der Kavallerie.

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