Im BLICK : Gier nach Führung

Armin Lehmann über die Verpackungsmarke Guttenberg

Armin Lehmann

Ist es möglich, dass der Zeitpunkt kommt, an dem sich das Volk fragt: Ist Karl-Theodor zu Guttenberg unfähig oder nur ein Lügner? Natürlich ist das möglich, aber ist es auch wahrscheinlich? Guttenberg gehört trotz seines Verhaltens in der Kundus-Affäre zu den beliebtesten Politikern des Landes. Eine jüngste Umfrage bescherte ihm gemeinsam mit Kanzlerin Merkel Platz zwei hinter Bundespräsident Köhler. Eine andere Umfrage unter Top-Managern ergab, dass der Verteidigungsminister in einer ansonsten kritisch beurteilen Bundesregierung als „Hoffnungsträger“ gilt, 70 Prozent der befragten Eliten sehen in ihm sogar den ersten Kanzler der CSU.

Die politische Psychologie unterscheidet zwischen der „Verpackungsmarke“ und der „Inhaltsmarke“. Guttenberg hat es als „Verpackung“ weit gebracht, er scheint anders zu sein als die anderen Politiker. Er gilt als jugendlich frisch, professionell, glamourös. Thomas Kliche, Experte für politische Psychologie an der Universität Hamburg, sagt: „Guttenberg bedient die Hoffnung und die Gier der Menschen auf gute Politik und gute Führung.“ Aber es ist quasi eine Wette auf die Zukunft, er erhält allein deshalb, weil er anders zu sein scheint, einen ungeheuren „Glaubwürdigkeitsbonus“ – ähnlich wie es bei US-Präsident Obama der Fall ist.

Kliche sagt, es sei gefährlich, wenn die Politik wie bei Guttenberg zum reinen Konsumgut werde: „Wir entscheiden nur noch nach Sympathie oder Antipathie, es geht um Stil, nicht um Kompetenz und langfristige Lösungsentwürfe. Das ist gefährlich für eine Demokratie.“ Kliche glaubt, dass ein Politiker nur langfristig glaubwürdig bleibe, wenn er inhaltlich etwas bieten kann. Auch Helmut Schmidt, sagt Kliche, hatte Stil, „nicht wegen seiner Pfeife, sondern aufgrund politischer Standfestigkeit“. Vielleicht wird Guttenberg bald schon wie ein gewöhnlicher Politiker erscheinen, denn er ist ja nichts anderes. Vielleicht aber ist auch das Urteil über ihn als „Verpackungsmarke“ zu vorschnell. Hat er schon Inhaltsmarken setzen können? Oder war er gezwungen zu sein, was er sein sollte? Seehofer machte ihn zum Generalsekretär, weil er in einer kaputten CSU einen Neuanfang brauchte, Seehofer und Merkel machten ihn zum Wirtschaftsminister, weil sie jemand wollten, der Glos vergessen macht. Merkel machte Guttenberg zum Verteidigungsminister, weil Jung womöglich noch schlechter in diesem Amt wirkte als Glos im anderen.

Guido Westerwelle stand einst vor dem Ende seiner Karriere nicht allein deshalb, weil er Jürgen Möllemann und dessen antijüdische Ressentiments nicht stoppte, sondern auch, weil er mit Auftritten bei „Big Brother“ einen neuen Stil etablieren wollte: Ran ans Volk war die Botschaft, aber am Ende trug „der Guido“, wie man ihn nannte, den unsichtbaren Titel „Spaßvogel“ auf der Stirn. Guttenbergs Stil, seine Auftritte bei „Wetten, dass…“ oder in der „Bild“-Zeitung sind letztlich nichts anderes als die Fortsetzung der „Big- Brother-Politik“ Westerwelles mit anderen Mitteln. Es gibt übrigens noch eine weitere Umfrage zu Guttenberg, die besagt, die Mehrheit der Deutschen halte ihn für „unschuldig“. Das Volk steht hinter Guttenberg – aber wächst vor ihm nicht schon das Enttäuschungsloch?

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben