Politik : Immer auf die Fresse

Vor 25 Jahren starben bei Fanausschreitungen in Brüssel 39 Menschen. Die Szene hat es nicht befriedet. Gewalt gibt es immer noch

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2010
2010Foto: ddp

Eine Nacht im Februar, der Weg ist 40 Fußballfans der Frankfurter Eintracht nicht zu weit, die Uhrzeit nicht zu spät. Sie machen sich auf nach Karlsruhe, um fünf Uhr kommen sie dort an, demolieren Autos, zertrümmern Scheiben des Fanprojekts, versuchen es zu stürmen und werfen ein bengalisches Feuer hinein. Drinnen halten sich Karlsruher Fans auf. Es gibt mehrere Verletzte. Sie wollten Vergeltung, schreiben die Eintracht-Fans später, denn auf der Rückreise vom Spiel in Stuttgart seien sie angegriffen worden, und „Frankfurt lässt sich nichts gefallen!“.

Es ist ein Vorfall abseits der großen Stadien, keine Kamera war dabei, aber er versetzt die Szene in Aufregung. Fanprojekte gelten als geschützte Orte, sie sollen helfen, Gewalt zu verhindern, durch Freizeitangebote, durch Fürsorge, durch Ernstnehmen von Fans. Zum ersten Mal sind sie nun, im Februar 2010, selbst Angriffsziel einer Meute geworden. Von „erschreckender krimineller Energie“ spricht ein Fanbetreuer, von einer „Zäsur“ ein anderer.

Gewalt im Fußball kommt und geht in Wellen. In der abgelaufenen Saison wurde auch die erste und zweite Bundesliga überspült. Rostocker Fans randalierten in der Düsseldorfer Altstadt und verletzten beim Spiel ihren Torwart und einen Schiedsrichterassistenten. Zwei Fans im Nürnberger Fanblock erlitten beim Spiel in Bochum schwerste Verbrennungen durch Pyrotechnik. Es gab harte Strafen, Klubs mussten ohne Fans zu Auswärtsspielen fahren. Der Bundesinnenminister lud zu einem runden Tisch gegen Gewalt. Es geht darum, ob Hooligans den Fußball wieder bedrohen, so wie in den tiefen achtziger und neunziger Jahren.

Die größte europäische Fußballkatastrophe durch Gewalt liegt genau 25 Jahre zurück. Roland Gerlach hat seine Erinnerungen daran in ein Heft geklebt. Er sitzt in der Bahnhofsgaststätte in Kelsterbach, nicht weit weg vom Frankfurter Flughafen, hinter ihm liegt ein langer Tag. Gerlach, 54, ist Fernfahrer, ein anstrengender Job, aber er hat ihn herumkommen lassen, oft hat er sich nach der Arbeit noch irgendwo ein Sportereignis angeschaut, am liebsten ein Fußballspiel.

Als Fußballtourist reist er mit seiner großen Liebe, der Frankfurter Eintracht, aber auch sonst zu bedeutenden Spielen. Am 29. Mai 1985 kommt er in Brüssel an. Block Z steht auf der Karte, die ein italienischer Schwarzmarkthändler ihm unter die Nase hält. Wo Block Z ist im Stade du Heysel, weiß Gerlach nicht. Aber der Preis, 150 Mark, ist ihm zu hoch, selbst für ein Europapokalfinale der Landesmeister. Er erwischt noch eine Karte für 100 Mark, Block XY, das Z ist durchgestrichen.

Am Abend sterben im Block Z 39 Menschen.

Sein Ticket klebt auf der ersten Seite des Hefts. „In 25 Jahren habe ich keinen getroffen, der wie ich an diesem Tag im Stadion war“, sagt Gerlach und blättert dann schweigend die Seiten um mit Fotos aus Zeitungen und Zeitschriften, die leblose Menschen auf der Stehplatztribüne zeigen, nur wenigen ist das Gesicht durch eine Decke oder eine Jacke verhüllt. Gerlach sagt: „In meiner Begriffswelt ist es der 11. September des Fußballs.“

Heysel hat viele Ursachen. Ein marodes Stadion. Einen korrupten Funktionär, der Tickets für Block Z in die Hände italienischer Schwarzmarkthändler geben ließ, Fans von Juventus Turin standen so neben denen des FC Liverpool, getrennt nur von einer „Zaunimprovisation“, wie Gerlach im Stadion sah. Aber die Katastrophe hatte einen Auslöser: Gewalt. Die Hooligans hatten den Fußball erobert.

Die Hooligans kommen aus England, sie werden stark in den sechziger und siebziger Jahren. Es sind vor allem junge Männer zwischen 20 und 30, sie treten in Cliquen auf, wollen sich an Gewalt genauso berauschen wie durch Drogen. Viele von ihnen haben früh erste Erfahrungen mit Gewalt gemacht. Der britische Film „The Football Factory“ sagt über den Anführer einer Gang: „Dummerweise hatte er so viel Prügel eingesteckt, dass er vor niemandem Angst hatte.“ Der Film, 2002 produziert, erzählt von der Langeweile im Alltag, dem Leben fürs Wochenende, vom Ruf, den man sich erkämpft und den man verteidigt. „Es geht darum, an der Front zu sein“, heißt es im Film.

Hooligan zu sein wird zur Identität. An die Gesellschaft haben die jungen Männer wenig Erwartungen, in England und anderen Ländern kommen sie vorwiegend aus unteren Schichten, „sozial verwundbar“ nennt eine Studie sie. In Deutschland ist das Milieu eher diffus, es finden sich auch Akademiker darin. Viele sind unpolitisch, Überschneidungen mit der rechten Szene kommen jedoch immer wieder vor.

Jugendarbeitslosigkeit wirkt in England verstärkend, in Liverpool soll sie 1985 bis zu 90 Prozent betragen haben. Die Katastrophe von Heysel nimmt ihren Lauf, als Liverpooler den Block Z stürmen wollen. Panik bricht aus, Fans von Juventus werden zusammengequetscht, eine Mauer stürzt ein und begräbt Menschen unter sich, andere werden totgetrampelt, die meisten der 39 Todesopfer sind Italiener. Mehr als 400 Menschen werden verletzt.

Ein Funktionär des europäischen Fußballverbandes Uefa kommt gegen 20 Uhr in die Spielerkabinen, so berichtet es Michel Platini in seiner Biografie. Damals war er Spieler bei Juventus, heute ist er Präsident der Uefa. „Wenn ihr nicht spielt, gibt es da draußen nicht dreißig Tote, sondern hundert“, sagt der Funktionär. Das Spiel wird angepfiffen, Juventus gewinnt 1:0 durch einen Elfmeter von Platini.

Alle englischen Klubs werden für fünf Jahre von internationalen Wettbewerben ausgeschlossen. Europa diskutiert über die Gewalt im Fußball. Die Überwachung der Fans nimmt zu, Stadien werden umgerüstet, Zäune entfernt, aus Sitzplätzen Stehplätze gemacht.

Deutschland hatte seinen ersten Schock schon 1982 erlebt. Der Bremer Fan Adrian Maleika, 16 Jahre alt, wird vor dem Nordderby beim Hamburger SV von einem Stein am Kopf getroffen, Anhänger des HSV treten auf den am Boden liegenden Maleika ein. Er stirbt einen Tag später. Die Katastrophe von Heysel ruft in Deutschland ganz unterschiedliche Reaktionen hervor. Einen Tag nach dem Unglück erhält das Fanprojekt in Hannover die Zusage von der Stadt: Ihr bekommt Geld, wir brauchen euch. Die andere Reaktion ist Repression durch Polizei. Die Fans übersetzen sie so: „Die Tiere in der Kurve, man muss sie hinter den Zaun sperren.“

Ein Bewusstsein für das Problem fehlt an den meisten Orten, es ist ein Grund dafür, dass in Deutschland die Hooligans erst Anfang der Neunziger ihre schlimmsten Schlachten schlagen. „Im Osten entlädt sich nach dem Mauerfall der aufgestaute Hass gegen Polizei und Staat“, sagt Andreas Klose. Der Soziologe arbeitete damals als wissenschaftlicher Leiter des Fanprojekts Berlin. Von Fans hört er Sprüche wie „früher haben sie uns gejagt, jetzt jagen wir sie.“

Immer häufiger kommt es zu Straßenschlachten mit der Polizei, die „Dritte Halbzeit“ wird zum geflügelten Wort. Am 3. November 1990 erschießt ein Polizist im Getümmel den Berliner Fan Mike Polley, angeblich hinterrücks. Für die Fans steht das Urteil fest: Mord.

Die Hooligans inszenieren und organisieren ihre Gewalt. Sie verabreden sich auch abseits der Stadien zu Prügeleien. Und sie ritualisieren die Gewalt. In England verbreitet sich der Zynismus, bei Opfern Visitenkarten zu hinterlassen, etwa mit dem Aufdruck: „Herzlichen Glückwunsch, Sie wurden von den Chelsea Head Hunters ausgewählt und bedient.“

Mit den normalen Fans wollen die Hooligans nicht mehr viel zu tun haben, „Kuttenaffen“ nennen sie die Fans mit Schal und Trikot. Einen eigenen Kodex stellen sie auf. Keine Waffen. Keine Unbeteiligten angreifen. Wer auf dem Boden liegt, wird nicht weiter geschlagen oder getreten. Eingehalten werden diese Regeln nicht, sie dienen lediglich der Verklärung.

Das Viertelfinale im Europapokal der Landesmeister 1991. Dynamo Dresden empfängt Roter Stern Belgrad. 12 000 Zuschauer, 1000 Polizisten. Aus dem Dresdner Block fliegen Feuerwerkskörper in den Belgrader Block, Zuschauer werfen Steine. Der Schiedsrichter bricht in der 78. Minute ab, ein Wasserwerfer fährt in den Innenraum und spritzt hilflos wie mit einem Gartenschlauch herum. Dresden wird international für zwei Jahre gesperrt. Auf einmal jedoch steht auch ein Ausschluss aller deutschen Vereine durch die Uefa im Raum, ein wirtschaftliches Debakel für die Klubs. Das schreckt die Politik auf, die Innenministerkonferenz setzt eine Arbeitsgruppe ein, 1992 wird das „Nationale Konzept Sport und Sicherheit“ beschlossen. Eine Koordinierungsstelle der Fanprojekte ist ein Ergebnis des Sicherheitskonzepts, der Wert von Sozialarbeit im Fußball wird neu entdeckt. „Fans, auch Hooligans brauchen Leute, die sie in ihrem Lebensumfeld ernst nehmen, bei alltäglichen Problemen helfen“, sagt Michael Gabriel, Leiter der Koordinierungsstelle, „sie können die letzte Brücke zurück in die Gesellschaft sein.“

Das Sicherheitskonzept ist nun der Versuch, jedem Teil des großen Fußballbetriebs Verantwortung zuzuweisen. Den Kommunen und Vereinen, indem sie Stadien sicher machen und Ordnungsdienste nach einem Standard arbeiten lassen. Der Polizei, indem sie mit szenekundigen Beamten in Zivil arbeitet und gezielt einschreitet, anstatt plump loszuknüppeln.

In dieser Zeit entsteht auch die Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze, Zis. In einer Datei erfasst sie Gewalttäter, eingeteilt in Kategorie A, die normalen Fans, Kategorie B, die gewaltbereiten, und Kategorie C, die gewaltsuchenden. 3500 Hooligans der Kategorie C sind 2009 erfasst, doch die Datei ist umstritten, in diesem Jahr urteilte ein Gericht, dass für die Speicherung die rechtliche Grundlage fehle.

Die Gewalt nimmt in den Neunzigern tatsächlich ab, unterbrochen allerdings von einem Tiefpunkt. Bei der WM 1998 in Frankreich ziehen deutsche Hooligans durch Lens. In einer Straße fallen sie über den französischen Gendarmen Daniel Nivel her. Er trägt bleibende Schäden davon, kann nur noch auf einem Auge sehen und schwer sprechen. Die Täter werden mit bis zu zehn Jahren Haft bestraft.

Vom harten Durchgreifen der Gerichte wirkt die Hooliganszene verunsichert. Ohnehin ziehen sich gerade viele von ihnen aus dem Fußball zurück, manche fühlen sich einfach zu alt zum Prügeln. Eine neue Gruppe nimmt Ende der neunziger Jahre ihren Platz ein: die Ultras. Ihre Wurzeln liegen nicht mehr in England, sondern in Italien. „Vital, wild, wohlmeinend“, beschreibt Gabriel die neue Szene. Der Fußball ist ihnen wichtiger als den Hooligans, sie wollen etwas beitragen mit Kreativität, mit Gesängen, Choreografien, Spruchbändern, sie sind offen für andere juvenile Ausdrucksformen wie Hip-Hop oder Graffiti. Ihre Vorstellung im Stadion begreifen sie als Wettbewerb. Wenn sie von den Gegnern niedergebrüllt werden oder gegen sie farblos aussehen, fühlt sich das für sie genauso nach Niederlage an wie ein 0:1 ihrer Mannschaft.

Der Fußball weiß nicht so recht, was er mit ihnen anfangen soll, sie bringen einerseits Stimmung, andererseits Gefahr durch Feuerwerke, bengalische Feuer. Viele Stadionverbote werden dadurch ausgesprochen, anfangs in der Regel, ohne die Betroffenen vorher zu hören.

Doch sämtliche Fanprobleme in Deutschland scheinen nebensächlich, als die WM 2006 stattfindet. Fußballfans, das sind auf einmal nur noch feiernde Menschen mit Fähnchen. Die Fanmeile wird zum Ort der neuen Lust am Fußball. Sie steht jedoch auch für die Inszenierung des Spiels als Event, für seine Kommerzialisierung. Gerade diese Trends bringen die Ultras in Rage. Sie wenden sich gegen das Eventpublikum, gegen Verbände und manchmal gegen ihren eigenen Verein. Sie artikulieren ihre Anliegen konstruktiv, aber sie beginnen auch, sich mehr und mehr mit sich selbst zu beschäftigen.

Als die Hemmschwelle für Ausschreitungen sinkt, taucht der Begriff der „Hooltras“ auf. Julius Neumann, Mitglied einer der stärksten Ultraszenen in Deutschland, der in Nürnberg, sagt: „Vor zehn Jahren war es noch absolut üblich, dass wir uns mit anderen Ultragruppen im Stadion getroffen haben und Aufkleber oder Ähnliches getauscht haben.“ Vorbei. „Ich denke, dass die Polizei anfangs mit übertriebenen Kontrollen und Maßnahmen dazu beigetragen hat, dass wir mit einem Hooligan-Klischee behaftet wurden, und irgendwann sich Teile der Ultra-Szene entsprechend verhalten haben.“

Fanbetreuer nennen als weitere Ursache die Distanz von Vereinen und Spielern zu den Fans. Sie seien nicht mehr erreichbar. „Der Grat wird schmaler“, sagt Gabriel, denn der Respekt fehle. Der gegenüber Vereinen und Spielern, was an Spruchbändern zu sehen sei wie „Zerreißt euch, sonst tun wir es“. Gegenüber der Polizei verhärten sich ohnehin die Fronten. A.C.A.B., diese vier Buchstaben fehlen in keinem Ultraforum im Internet – All Cops Are Bastards. Ergänzt um Parolen wie „Eure Repression stärkt unseren Hass“.

Der Anspruch der Ultras entwickelt sich ins Elitäre – wie bei den Hooligans. Stadionverbote feiern sie als Ritterschlag. Die Zis hält in ihrem Jahresbericht 2009 fest, dass ein Teil der Ultras „durch organisiertes Auftreten gegenüber den Stadioneignern, den -betreibern, den Vereinen, dem Verband und der lokalen Politik den ,Druck der Straße‘ erhöht und sich mehr oder weniger rechtsfreie Räume geschaffen“ hat. „Italienische Verhältnisse“ fürchtet die Polizei. In Italien war die Situation 2007 eskaliert, es gab drei Tote, Hooligans griffen eine Kaserne an. In England haben hohe Eintrittspreise die Gewalt aus den Stadien herausgedrängt. Der Fußballbesuch in Deutschland ist indes noch erschwinglich, die Stadien gelten als sicher.

Dennoch ist der Fußball an einem kritischen Punkt angelangt. Fans scheinen das Spiel zu überladen, „im Fußball werden sie im Gegensatz zu anderen Lebensbereichen noch gebraucht“, sagt Gabriel, „deshalb haben sie auch mehr zu verlieren“. Andreas Klose, der inzwischen an der FH Potsdam forscht, sagt: „Die Fanszene ist heute so unterschiedlich wie noch nie.“ Familien, Normalos, Ultras, Hooligans. Die Szene muss eine Spannung aushalten, die durch die massive Polizeipräsenz entstanden ist, durch eingeschränkte Rechte der Zuschauer wie personalisierte Tickets und Videoüberwachung.

Wenn sich die Spannung entlädt, drohen dem Fußball mindestens Platzwunden.

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