Politik : Immer im Kampf

Von Clemens Wergin

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Dies ist kein Nachruf. Wer dem Tod so oft entronnen ist wie Jassir Arafat, wer zahlreiche Attentatsversuche überlebte und 1992 sogar einen Flugzeugabsturz, der ist zäh. Aber Arafats schwere Erkrankung lenkt den Blick nach vorn – auf eine Entwicklung, die manche fürchten und andere wünschen: Arafat wird nicht auf ewig Präsident der Palästinenser sein.

Seit Februar 1969 führt Arafat die palästinensische Befreiungsbewegung. Damals war Lyndon B. Johnson Präsident der USA, Kurt Georg Kiesinger regierte die Bundesrepublik und Levi Eschkol Israel. Jassir Arafat hat sie alle überlebt, nicht nur politisch. Als er 1974 das erste Mal vor der UNGeneralversammlung auftrat – mit Pistolenhalfter am Gurt –, sagte Arafat, er komme „mit einem Olivenzweig in der Hand und der Waffe eines Freiheitskämpfers“. Bis zuletzt konnte er sich nicht entscheiden, die Pistole endlich abzulegen.

Unter den vielen Fehlern, die er sich in seinem langen Politikerleben geleistet hat, ist der von Camp David im Jahr 2000 der gravierendste. Statt den von US-Präsident Bill Clinton gereichten Ölzweig zu ergreifen, hat Arafat später die zweite Intifada, jenen mit terroristischen Mitteln geführten Aufstand, betrieben oder zumindest nicht verhindert. Er hat damit sein Volk in einen Kampf geschickt, den es nicht gewinnen konnte, und sich selbst ins politische Abseits manövriert. Dass es in den letzten drei Jahren einsam wurde um den Rais, den großen Vorsitzenden, ist nicht nur die Schuld des israelischen Premiers Ariel Scharon, es ist auch ein Ergebnis von Arafats Politik. Es gibt kaum einen arabischen Führer, der sich von Arafat nicht hintergangen oder düpiert fühlt. Auch Europas Regierungen sind auf Distanz gegangen, weil sie oft genug erfahren haben, dass Arafat zwar stets viel verspricht, aber kaum etwas hält. Im Grunde warten alle seit langem darauf, dass Arafat abtritt, damit wieder etwas vorangeht in Nahost.

Dennoch schaut die Welt jetzt mit Sorge auf die Region. Weil der Tod Arafats Unruhen in den besetzten Gebieten und vielleicht auch in Jordanien auslösen könnte. Und weil der Rais niemanden aufgebaut hat, der nach ihm für Stabilität in der palästinensischen Führung zu sorgen vermag. Wer aber eine friedliche Lösung des Konflikts anstrebt, der kann kein Interesse daran haben, dass Arafats Fatah-Bewegung gegenüber den Terrororganisationen Hamas und Islamischer Dschihad weiter geschwächt wird. Viel wird also davon abhängen, ob es den alten Mitstreitern Arafats, Ahmed Kurei und Mahmud Abbas, gelingt, die Garde der jungen Wilden in eine Übergangsregierung einzubinden und blutige Machtkämpfe zu verhindern. Wann auch immer der Tag X kommt.

Arafat ist eine jener überlebensgroßen Figuren, wie sie nationale Befreiungsbewegungen zuweilen hervorbringen. Seine Leistungen für die palästinensische Sache sind tatsächlich beeindruckend. Er hat maßgeblich dazu beigetragen, sein Volk aus der „panarabischen Gefangenschaft“ zu befreien. Und er hat so etwas wie eine palästinensische Nation in den 60ern überhaupt erst mitgeschaffen – aus der Erkenntnis heraus, dass die Interessen der Palästinenser von den arabischen Staaten nicht ausreichend vertreten werden. Nach dem Ölpreisschock von 1973 haben dann vor allem die europäischen Staaten mitgeholfen, Arafat zu einer wichtigen Figur auf internationalem Parkett zu machen. Ein Weg, der den PLO-Chef schließlich ins Weiße Haus führte und sogar zum Friedensnobelpreisträger machte.

Doch wie so viele Revolutionäre hat Arafat die Wende zum Politiker nicht geschafft. Er zwang seinem Volk eine diktatorische, korrupte Regierung auf, und ganz wie seine arabischen Kollegen wird man ihn erst mit der Totenbahre aus dem Amt tragen. Er, der für sein Volk so viel bewegt hat und es dann in schwerste Bedrängnis führte, wird in Erinnerung bleiben, wie Clinton ihn beschrieb: Nie hat er Nein gesagt zum Frieden, aber eben auch nicht Ja. Auch wenn Arafat diese Krise überlebt – die Zeit, in der er Positives für sein Volk bewirken konnte, ist vorbei.

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