Politik : Immigration: Einwanderung ist kein Schreckgespenst (Leitartikel)

Ulrike Fokken

Eine grauenhafte Vorstellung. 58 Leichen in einem Container. Da steigen Bilder auf. Lagen sie übereinander? Oder war der Raum in dem Kühltransporter so klein, dass die Toten sich gegenseitig aufrecht gehalten haben? 58 Leichen in einem Container rufen Bilder hervor. Bilder aus einer Zeit, in der Menschen als Massengut durch Europa transportiert und solange ausgebeutet wurden, wie ihre Arbeitskraft zu gebrauchen war. Danach waren sie Abfall. Nie wieder, so verständigte sich die entsetzte Völkergemeinschaft nach dem Ende der Nazi-Diktatur, darf das geschehen. Nie wieder darf der Mensch zur Ware werden, zumindest darf derartiges nie wieder in Europa geschehen, der Wiege der Aufklärung.

Das sind die Bilder. Die Realität in Europa ist glücklicherweise anders. Aber 54 Männer und vier Frauen sind in einem Kühltransporter erstickt, weil sie auf der Suche nach einem auskömmlichen Leben waren. Es ist unwürdig genug, dass sie auf der Suche nach Arbeit ihr Land auf der anderen Seite der Welt verlassen und wie eine Ware in Europa ankommen. Aber die Gefühle der Europäer über ihr Kommen sind ebenso unwürdig. Die Wanderarbeiter der fortgeschrittenen Globalisierung werden als "Scheinasylanten" diffamiert. Dabei spricht vieles dafür, dass die 58 Asiaten nicht um politisches Asyl in Großbritannien bitten wollten, sondern von den Lebensbedingungen in einem der reichsten Staaten angezogen waren. Den Tod auf der Flucht vor Hunger, Obdachlosigkeit, Krankheit, Dürre und Umweltverschmutzung haben sie wie jährlich Hunderttausende auf sich genommen. Sie sind erstickt. Andere ertrinken in der Meerenge von Gibraltar, verdursten im Laderaum eines Schiffes, erfrieren im Gepäckraum eines Flugzeugs.

Die Arbeitsnomaden sind Wirtschaftsflüchtlinge. Dieser Begriff ist bedauerlicherweise von den Rechten in der Union und der SPD geprägt worden, die damit nichts anderes als Verachtung zum Ausdruck bringen und Ängste schüren wollen. Mit derartiger Geringschätzung werden die Europäer den umherziehenden Menschen jedoch auf Dauer nicht begegnen können. Schließlich haben auch die europäischen Staatschefs und Konzernlenker das Bild von den süßen Verführungen der westlichen Konsumgesellschaft in den ärmeren Staaten verbreitet - und gut daran verdient. Aber es hat noch niemand ein Problem gelöst, indem er es einfach nur verdrängt. Und als Problem werden die arbeitswilligen Illegalen ja angesehen.

Nur warum? Sie verrichten Arbeiten, die kein EU-Bürger mehr annehmen möchte. Da sie illegal eingereist sind, können sie auch keine Sozialhilfe beantragen, attraktive Wohnungen mieten oder rare Studienplätze besetzen. Sie nehmen niemandem etwas weg. Im Gegenteil. Sie bringen ihre Kreativität und Muskelkraft in den alternden Kontinent Europa. Europa ist eine Festung, in die nur wohlbehalten gelangt, wer Geld oder Glück hat. Das aber kann keine Grundlage für die künftige Politik der EU sein.

Seit der Debatte um die Green Card beginnt sich der Gedanke durchzusetzen, dass Deutschland - ebenso wie die anderen EU-Staaten - ein Einwanderungsgesetz braucht. Damit wäre ein Anfang gemacht - nicht nur zur Sicherung der Wirtschaftskraft. Ein Einwanderungsgesetz würde den Menschen außerhalb der EU-Grenzen eine Möglichkeit bieten, in ein Land ihrer Wahl zu gehen, dort zu leben, zu arbeiten - und das Land vielleicht auch wieder zu verlassen. Denn Europa ist schließlich nicht das Paradies auf Erden, in dem Milliarden Erdenbürger ihre Erfüllung suchen. Da nicht alle Außereuropäer die vermutlich hohen Kriterien eines kommenden Einwanderungsgesetzes erfüllen, brauchen die EU-Staaten auch Regelungen für kurzzeitige Besuche im Wohlstandsparadies. Die gurkenpflückenden Polen gehen nach drei Monaten um einiges wohlhabender in ihre Heimat zurück. Warum sollten Senegalesen, Peruaner oder Chinesen nicht ebenfalls nach einem verrichteten Job und einer Schnupperrunde die Heimreise antreten? Schlepperbanden hätten dann jedenfalls keine Klientel mehr.

Die Politik hat den Popanz der Europa überrollenden Einwanderungslawine aufgeblasen. Jetzt muss sie den Mut beweisen, die Luft wieder heraus zu lassen und praktische Lösungen zu erarbeiten.

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