Politik : In der Hauptrolle: Menschenrechte

Thomas Borchert

Der wie üblich feierlich-freundliche Rahmen bei der Verleihung des Friedensnobelpreises hielt UN-Generalsekretär Kofi Annan in Oslo nicht davon ab, den kriegerischen Alltag dieser Tage direkt beim Namen zu nennen. Eine Ausweitung des bislang auf Afghanistan begrenzten Antiterrorkrieges auf Irak wäre "unklug" und vom Mandat des UN-Sicherheitsrates nicht gedeckt, meinte der 63-jährige Diplomat aus Ghana kurz vor Entgegennahme des Preises als deutliche Mahnung Richtung Washington. In seiner Dankesrede im Osloer Rathaus wandte sich Annan dann denen zu, die er für die in diesen Tagen am härtesten betroffenen Opfer von Krieg, Terror und Gewaltherrschaft hält: Mädchen und Frauen in Afghanistan.

Bei der Rede fiel auf, dass Annan die in der norwegischen Hauptstadt und in Stockholm schon ausgiebig gefeierte 100. Wiederkehr der ersten Nobelpreisvergabe am 10. Dezember 1901 unbeachtet ließ. Dafür richtete er die Aufmerksamkeit am "Tag der Menschenrechte" umso ausführlicher auf die Frage, wie es um die Menschenrechte für ein eben an diesem Tage geborenes Mädchen in Afghanistan bestellt ist: "Obwohl ihre Mutter alles in ihrer Macht Stehende tun wird, sie zu beschützen und zu stützen, hat sie nur eine Chance von 25 Prozent darauf, dass sie ihren fünften Geburtstag feiern kann." Ob dem Mädchen dies gelingen könne, sei eine Probe auf unsere gemeinsame Menschlichkeit. "Es ist die Einzige, die etwas bedeutet."

Annan setzte damit auf seine Art die Afghanistan-Debatte fort, die in den Tagen vorher auch von den knapp 30 zum Jubiläum nach Oslo gekommenen Trägern des Friedensnobelpreises früherer Jahre zum Teil äußerst kontrovers geführt worden war. Während so unterschiedliche Träger der berühmtesten Auszeichnung der Welt wie der polnische Ex-Präsident Lech Walesa (Preis 1980), das Exil-Oberhaupt der Tibeter, der Dalai Lama (1989) und der südafrikanische Bischof Desmond Tutu (1984) in völliger Einigkeit Freiheit für die vom Militärregime in Burma weiter unter Hausarrest gehaltene Preisträgerin Aung San Suu Kyi (1991) forderten, gab es zum Krieg in Afghanistan höchst unterschiedliche Positionen.

Der nordirische Sozialdemokrat und Katholik John Hume, 1998 zusammen mit David Trimble, dem derzeitigen protestantischen Regierungschef in Belfast, ausgezeichnet, bezog zusammen mit dem Argentinier Adolfo Perez Esquivel (1980) und Jody Williams von der Internationalen Kampagne gegen Landminen (1997) ausdrücklich gegen den Militäreinsatz Position. Dafür sprachen sich Joseph Rotblat, Gründer der Pugwash-Konferenz gegen Atombewaffnung (1995), Jos Ramos Horta aus Ost-Timor (1996) und der US-Publizist Elie Wiesel (1986) aus.

Bei der vom US-Sender CNN arrangierten Debatte konnten die Zuhörer in der Osloer Universitätsaula erleben, dass unter 23 versammelten Trägern des Friedensnobelpreises genau die Argumente ausgewechselt wurden, die auch sonst Befürworter und Gegner des Antiterror-Krieges voneinander trennen. "Ich bin Pazifist, aber kein Totalpazifist", meinte der mit seinen 93 Jahren beeindruckend jugendlich wirkende Rotblat. Manchmal müsse man "halt leider zu Gewalt greifen". Man müsse in jeder Lage einen Dialog führen, auch mit Terroristen in Afghanistan, hielt ihm Hume entgegen.

Annan beteiligte sich nicht direkt an dieser Debatte. Unüberhörbar aber war in seiner Rede eine Warnung an politische Monopol-Ansprüche aller Art zu hören, die nicht zuletzt an US-Präsident George W. Bush gerichtet sein dürfte. "Die Idee, dass ein Volk über das Monopol an der Wahrheit verfügt, dass es eine Antwort auf alle Unglücke auf dieser Welt oder eine Einlösung für alle Ansprüche der Menschen gibt, hat in der Geschichte vor allem der letzten hundert Jahre unsagbar großen Schaden angerichtet."

In einer "Botschaft für Frieden und Gerechtigkeit" sprachen sich außerdem mehr als zwei Dutzend Friedensnobelpreisträger für die Einsetzung des internationalen Strafgerichtshofs aus. Der Gerichtshof in Den Haag kann aus der Taufe gehoben werden, sobald 60 Staaten den Vertrag von Rom unterzeichnet haben. Bislang haben 40 Staaten unterzeichnet. Von den 39 noch lebenden Friedensnobelpreisträgern kamen rund 30 zu den 100. Jubiläumsfeiern nach Oslo.

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