Politik : In der Todeszone

Die Soldaten wollten Urlaub machen. Über Falludscha traf sie eine Rakete – die Stadt gilt als besonders unsicher

Susanne Fischer[Bagdad]

KRISE IM IRAK

Wieder Falludscha. Der Name der Stadt 50 Kilometer westlich von Bagdad wird zum Synonym für Terror, US-Soldaten sprechen bereits von der „Todeszone“. Erst am Wochenende waren zwischen Anwohnern und Militärs wieder heftige Straßenkämpfe entbrannt, und auch die Boden-Luft-Rakete, die am Sonntag den amerikanischen Chinook- Hubschrauber vom Himmel holte, wurde in Falludscha gezündet.

Für die Soldaten an Bord sollte es eine Reise in die Erholung werden. Sie waren auf dem Weg zum Flughafen von Bagdad, von wo ein Flugzeug sie für einen Kurzurlaub in friedlichere Gefilde bringen sollte. Statt dessen flogen mindestens 15 von ihnen in den Tod. Die Szenen, die sich danach vor manchen Fernsehkameras abspielten, mögen für westliche Betrachter befremdlich sein: Jubelnde Iraker, die Trümmerteile des getroffenen Hubschraubers empor halten und den Tod der Opfer bejubeln. Repräsentativ für die Stimmung im Land gegenüber den Amerikanern sind sie nicht. „Wir müssen den Amerikaner erst mal ein wenig Zeit geben, um zu sehen, was sie für uns tun. Wenn die Lage in einem Jahr nicht besser ist, kann man über Widerstand nachdenken, aber jetzt ist es dafür zu früh“, kommentiert ein Ex-Offizier der irakischen Armee die steigende Zahl von Angriffen auf die US-Truppen.

Der Hass in Falludscha auf die Amerikaner ist besonders groß. Angefangen bei den Demonstrationen im April, als US-Soldaten 19 Zivilisten erschossen, bis hin zu den irakischen Polizisten, die Autodiebe verfolgten und dabei von US-Militärs getötet wurden, die sie für Terroristen hielten, kam es immer wieder zu tragischen Zusammenstößen. Zudem liegt die Stadt im so genannten sunnitischen Dreieck im Zentralirak, in der der Widerstand gegen die Truppen von Anfang an besonders stark war. Für einen deutschen Sicherheitsexperten in Bagdad war es nur eine Frage der Zeit, bis ein solcher Raketenangriff erfolgreich sein würde. „Es gibt ständig solche Attacken, auf alle möglichen Ziele, aber die Waffen sind veraltet, und zum Glück treffen sie meistens nicht.“ Auch beim Angriff auf die Hubschrauber wurden mindestens zwei Raketen abgefeuert, eine verfehlte ihr Ziel. Für die Landungen auf dem Bagdader Flughafen haben die Piloten ein Training zum schnellen Landen erhalten.

Anders als bei den Selbstmordanschlägen von vergangener Woche in Bagdad, hinter denen am ehesten ausländische Terroristen vermutet werden, gelten als Urheber der Angriffe mit Boden-Luft-Raketen Anhänger Saddams und ehemalige Armeemitglieder. Über wie viele Raketen sie verfügen, weiß niemand. Unmittelbar nach dem Krieg lagen die Waffen frei zugänglich im ganzen Land herum: Auf dem Areal des ehemaligen Zoos von Bagdad hatte die Bedienungsmannschaft eine ganze Batterie französischer Roland-Raketen nebst Abschussrampe im Chaos von Bagdads Fall stehen gelassen. Die Amerikaner kümmerten sich in den ersten Wochen überhaupt nicht darum. Erst als Beschwerden aus der Bevölkerung kamen, denen das explosive Material zu gefährlich wurde und nachdem es die ersten Angriffe mit solchen Raketen gegeben hatte, fing das Militär an, sie einzusammeln.

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