Politik : In Sichtweite der Politik (Leitartikel)

Bernhard Schulz

Der "symbolische Akt" auf dem Baugelände des künftigen Holocaust-Denkmals wird heute Vormittag die Spitzen von Staat und Regierung vereinen - und ist doch nur Ausdruck einer Verlegenheit. Nichts weiter wird bekundet als die Entschlossenheit, das Denkmal zu errichten, wie es der Bundestag mit eindrucksvoller Mehrheit beschlossen hat. Doch der tatsächliche Baubeginn darf frühestens für Mitte kommenden Jahres erwartet werden. Alldieweil mag der stellvertretende Akt die fortdauernde Verzögerung verbrämen.

Wenn allerdings Eberhard Diepgen es ablehnt, dem Festakt beizuwohnen, dann stellt der Regierende Bürgermeister lediglich unter Beweis, keinen Ausweg aus seiner eingefahrenen Hinhaltetaktik zu finden. Andererseits sollte die Wirkung seiner Verweigerung nicht überschätzt werden. Durch die Bundestagsentscheidung ist die Denkmalsfrage entschieden und dem Berliner Lokalstreit enthoben.

Ohnehin spiegelt die Widmung des Jahrestages der Befreiung von Auschwitz zum Feiertag eher die Schwierigkeit, die historische Botschaft dieses 27. Januar einprägsam zu verankern. Das zu leisten, bleibt dem zukünftigen "Denkmal für die ermordeten Juden Europas" vorbehalten. In Zukunft wird es möglich sein, nach Jahren der Debatte, genauer und zugleich gelassener über die Bedeutung des Mahnmals zu urteilen. Einmal fertig gestellt, wird es sich in eine dann auch alltäglich gewordene deutsche Hauptstadt einfügen. Die Brachfläche, die auch jetzt noch trostlos und abweisend daliegt, wird umgeben sein vom pulsierenden Leben der Stadtmitte und von Bauten, die bis an das frei gehaltene Grundstück heran reichen. Die Maßstab sprengende Dimension, die dem Denkmal zumal in seinen frühen Entwürfen eignete, wird vermindert sein, eingeordnet in ein urbanes Bezugssystem, in dem die gläserne Kuppel des runderneuerten Reichstags ebenso herüber strahlt wie die Hochhäuser am Potsdamer Platz.

Inmitten eines derart erneuerten Berlin ein unübersehbares Zeichen der trauernden Verneigung vor den Opfern des nationalsozialistischen Völkermordes zu setzen, bedeutet alles andere als die von den Denkmalskritikern so oft beschworene Verzerrung der Maßstäbe. Das Denkmal, mag das vorgesehene Feld von 2700 Betonstelen dem einzelnen Besucher auch beunruhigend groß erscheinen, wird nicht die ganze Politik bestimmen. Es wird in Sichtweite von Parlament und Regierung gemahnen, dass der aus der Erfahrung der Schreckensherrschaft geborene Imperativ des "Nie wieder!" dem vereinten Deutschland als Richtschnur aufgegeben ist und bleibt. Das Mahnmal wird nicht übergroß, aber es wird unübersehbar sein.

Das Holocaust-Denkmal bildet ein Element der Gedenkkultur in der Mitte Berlins. Notwendig hinzu tritt die Vermittlung der historischen Kenntnisse, im übrigen über den Holocaust hinaus. Diese Aufgabe dem Denkmal hinzufügen zu wollen, ist unsinnig. In der Nähe befindet sich die "Topographie des Terrors" als Dokumentationszentrum. Und es gibt das von Berlin errichtete Jüdische Museum, das immer sichtbarer in eine nationale Dimension hineinwächst.

Gedenken und Information lassen sich nicht gegeneinander aufrechnen. Das macht den heutigen Festakt zumindest verständlich, und sei es als Mahnung zur zügigen Errichtung des Holocaust-Denkmals. Doch muss sich das Augenmerk künftig darauf richten, wie Denkmal, Dokumentationsstätten und Museen in Berlin sinnvoll zu verbinden sind. Nur so werden jene Kenntnisse vermittelt werden, derer es bedarf, die Botschaft des Denkmals ganz zu verstehen.

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