Politik : In Tirana ist keine einzige Frage gelöst

CAROLINE FETSCHER

TIRANA .Oben, am Fuß der Bergkette, die Tirana säumt, haben sich im "Chaten Linza" (Cheteau Linza), einer modernen Apartment- und Hotelanlage, etwa sechzig Frauen und Männer versammelt, die entschlossen sind, einzugreifen.Hier, unter einem blauweiß gestreiften Restaurantzelt wird neben Bar, Swimmingpool und Tennisplatz Klartext geredet.Die katastrophale Lage, das Chaos und die Desorganisation vor Ort - all das soll sich ändern.Die Task-Force der OSZE ist eingetroffen.Brigadegeneral Michel Maisonneuve, bis vor kurzem Kopf der Kosovo-Verification-Mission, erklärt den notwendigen Aufwand: "Das UN-Flüchtlingswerk", sagt er, "ist schlicht überfordert." Er erlaubt sich keinen weiteren Kommentar.Jeder in Albanien weiß inzwischen, daß die Organisation, die für Flüchtlinge in allererster Linie zuständig ist, mit ihren Aktivitäten keinen großen Eindruck macht.Manche mutmaßen, die Kooperationsfreude der Vereinten Nationen (UN) sei gedämpft, da die NATO im Vorfeld ihrer Einsätze auf deren Mandat verzichtet habe.Andere machen mangelnde Landeskenntnis und eine Fehleinschätzung des Ausmaßes der Krise dafür verantwortlich, daß das UNHCR wenig Präsenz zeigt.

Die Stimmung im blauweißen Zelt unterscheidet sich in der Tat enorm von jener auf den "Koordinations"-Treffen der UN-Leute, etwa mit regierungsunabhängigen Organisationen."Denken Sie daran", spricht mit lauter, fester Stimme der Chef zu den Einsatzkräften: "Wir sind hier, um zu helfen, nicht um zu übernehmen.Seien Sie sensibel im Kontakt mit anderen Organisationen.Sie werden viel Unordnung erleben, haben Sie Geduld." Der Eindruck täuscht nicht - sie sind hier, um zu übernehmen.Auf verschiedenen Regionen und Ortschaften des Landes systematisch verteilt, sollen die OSZE-Mitarbeiter Fäden zusammenführen.

Kaum ein Hilfswerk weiß genau, was das andere unternimmt, die Organisationen stechen ihre Einflußzonen gegeneinander ab, die Nationen können sich nicht auf gemeinsame Projekte einigen - und am Bergort Kukes, inzwischen Medienmagnet Nummer eins, schlafen die Flüchtlinge auf der Straße, auf Lkw-Ladeflächen oder dichtgedrängt in der Moschee des Ortes.Preise für private Übernachtungen von Flüchtlingen und Journalisten steigen täglich, mafiöse Banden albanischer Autodiebe stehlen den Vertriebenen die Fluchtwagen und Traktoren, und eine weitere Grenze ist offen.Seit etwa drei, vier Tagen strömen große Gruppen flüchtender Menschen mit wenig Habe aus Montenegro ins Land.Von einem winzigen Grenzort aus machen sie sich, viele zu Fuß, auf den Weg in die nächste größere Stadt, Shkodër.

Nach Shkodër kommen sie jetzt aus dem Osten - über Kukes - und aus dem Norden.Von der kleinen Stadt hört man hier wenig Gutes."Nach sechs Uhr abends gehe ich nie aus dem Haus", sagt die dort lebende Italienischlehrerin Tiziana Littame."Es gibt keine Straßenbeleuchtung, und überall treiben sich Gauner herum." Tiziana Littame eilt mit vollgepackten Plastiktüten zur Sporthalle von Skhödër, sie bringt Schafskäse und Weißbrote an die übelriechende, von Gestrandeten überfüllte Halle."Heute nacht erwarten wir hier 2000 Neuankömmlinge", sagt sie, "morgen wieder etwa 2000." Für das Minimum an Struktur, das hier zu ahnen ist, sorgen ein paar Anwohner.Ein vom UNHCR in Skhodër eingesetzter, kleiner Beamter, soll in einem Büro in der staubigen Stadt Flüchtlinge registrieren.Mit wie vielen Flüchtlingen er derzeit rechnet? "Ich weiß nicht." Hilflos zeigt er auf ein Schulheft, in das er mit verschiedenfarbigen Kugelschreibern Namen, Daten, Zahlen eingetragen hat.

Mittlerweile wird Tiziana von Hungrigen umringt.Sie muß bald gehen, es ist kurz vor sechs Uhr."Wo hier heute nacht alle schlafen sollen, das ist mir schleierhaft", sagt sie unglücklich.Um das Gebäude zu verlassen, muß sie sich durch einen Schwung von eben Angekommenen drängen.

Auf der schlaglochreichen Straße zurück nach Tirana kommen uns Dutzende von Wagen, meist Kleinbusse entgegen, in denen nur junge Männer sitzen.Es ist ein offenes Geheimnis, daß die geflüchteten Kosovo-Albaner zum Kämpfen zurück an die Grenze fahren, sobald sie ihre Schwestern, Mütter, Frauen und Großmütter in irgend einem Zeltlager sicher wissen.Was sich dort ereignen wird, ist noch völlig unklar.

Inzwischen war auch Innenminister Otto Schily hier, um sich von der Lage ein Bild zu machen.In der Hafenstadt Durres, in die der Flüchtlingsstrom auf den Straßen von Polizeiposten umgeleitet wird, besuchte er eine Schule, in der eine improvisierte Unterkunft für Kosovo-Albaner eingerichtet wurde.Begleitet von einer Equipe aus der deutschen Botschaft und Kameras aus allen EU-Ländern und den USA, sowie von Personal deutscher Hilfsorganisationen, kämpfte sich der geschaffte Innenminister durch ein dichtgedrängtes Sechsstunden-Programm.Dennoch nimmt er sich viel Zeit zum Gespräch mit einer Flüchtlingsfamilie.Dem Tagesspiegel sagte er in einem Gespräch, er bevorzuge das Unterbringen der Geflüchteten in Albanien gegenüber einem Exodus in EU-Länder.Aber von der notorisch langsamen und korrupten Bürokratie des Staates erwartet er Entgegenkommen für großzügige, rasche Hilfe."Das Grundstück, das der deutschen Gesellschaft für technische Zusammenarbeit für ein Zeltlager angeboten wurde ist sumpfig und liegt neben einer Müllkippe.Offen gesagt empfinde ich das als eine Provokation." Der Minister erwartet, daß auf dem Grund bei Kavaja nicht das geplante Lager für 12 000 bis 18 000 Flüchtlinge mit Unterstützung der Schweiz entsteht, sondern woanders.Doch genau auf diesem versumpften Grund planieren derzeit Bulldozer den Boden, um Straßen anzulegen.Gelöst ist hier bisher keine Frage.

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