Politik : Innerdeutsche Rentenfrage

Von Richard Schröder

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Regelmäßig liest man in den Zeitungen: Im Osten ist die Durchschnittsrente höher als im Westen. Gönnt’s den Ostrentnern, könnte man sagen, denn als DDRBürger haben sie nicht auf der Sonnenseite gelebt. Doch die Verhältnisse, die sind nicht so. Im Westen dient die Nachricht als Beleg dafür, dass es denen im Osten viel zu gut geht, und das auf unsere Kosten! Im Osten löst die Behauptung Empörung aus. Wir wissen doch genau, dass unsere Altersbezüge niedriger sind als die der Westdeutschen.

Wie verhält es sich nun tatsächlich? Erstens: Die Statistik stimmt. Im Osten war die Durchschnittsrente im Jahr 1999 um 11,2 Prozent höher als die westliche Durchschnittsrente. Zweitens: Dass die Ostrenten bei derselben Erwerbsbiographie im Osten niedriger sind als im Westen, stimmt auch. 1999 lagen sie bei 87 Prozent des Westwertes. Also haben beide Recht? Das kann ja nicht sein!

Statistiken darf man nicht nur zitieren, man muss sie auch zu interpretieren verstehen. Die östliche Durchschnittsrente schließt Ärzte, Apotheker, Richter, Professoren und Minister, kurz alle „Besserverdienenden“ ein. Bekanntlich hat das Bundesverfassungsgericht die pauschalen Kürzungen der Renten von „systemnahen“ Personen für verfassungswidrig erklärt, was nochmals eine (minimale) Erhöhung der östlichen Durchschnittsrente zur Folge hatte. Im Westen bekommen jene Berufsgruppen Pensionen oder haben privat vorgesorgt. Sie erscheinen nicht in der Rentenstatistik. Der Vergleich der Durchschnittsrenten ist also nicht der Vergleich der durchschnittlichen Ruhestandsbezüge. Für einen Vergleich, der auf westlicher Seite Pensionen und private Altersvorsorge einbezieht, konnte ich keine statistischen Angaben bekommen. Nicht wenige westdeutsche Ruheständler haben auch noch Einkünfte aus Immobilien, Aktien und beachtlichen Ersparnissen, weil sie sehr viel mehr anlegen und zurücklegen konnten als die Ostdeutschen.

Jedoch erlangen die Ostdeutschen im Durchschnitt eine höhere Anzahl von Entgeltpunkten, weil es in der DDR keine Arbeitslosigkeit gab. Die Entgeltpunkte sind Teil der Rentenformel und ergeben sich aus dem Verhältnis des Einkommens des Versicherten zum Durchschnittseinkommen aller Versicherten. Die Löhne wurden in der DDR auch gezahlt, wenn die Produktion stockte, etwa weil die Zulieferungen ausblieben. Das war die Absurdität des Systems. Deshalb haben die Ostdeutschen im Durchschnitt günstigere Erwerbsbiographien.

Also: Dass es den Ostrentnern besser geht als den Westrentnern, ist eine Ente. Richtig aber ist, dass es ihnen erheblich besser geht als den Rentnern in allen anderen ehemals sozialistischen Ländern. Dank der Währungsunion ist ihnen eine Phase der Inflation mit Altersarmut erspart geblieben.

Der Autor ist Professor für Theologie an der Humboldt Universität zu Berlin. Er schreibt die Kolumne im Wechsel mit Antje Vollmer und Wolfgang Schäuble.

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