Integration : Experten fordern Abschaffung vom "Deutschsein auf Abruf"

Kritiker nennen es eine integrationspolitische Zeitbombe: Zehntausende junge Deutsche aus Einwandererfamilien werden in den kommenden Jahren per Amtsbrief aufgefordert, sich für oder gegen die deutsche Staatsbürgerschaft zu entscheiden.

Ferda Ataman

Berlin - Ab 2018 betrifft die sogenannte Optionsregel des Staatsbürgerrechts rund 40 000 Volljährige pro Jahr, die zwischen der Nationalität ihrer Eltern und der deutschen wählen müssen. „Sie sind Deutsche auf Abruf“, kritisieren ehemalige Integrationsbeauftragte der Bundesregierung wie Marieluise Beck (Grüne) oder Liselotte Funcke (FDP) sowie die frühere Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth (CDU).

Zusammen mit 27 weiteren parteiübergreifenden Politikern und gesellschaftlichen Akteuren starten sie den Aufruf „Sie gehören zu uns! - Wider den Optionszwang für Kinder unseres Landes“, der von nun an im Internet unterzeichnet werden kann. An diesem Mittwoch wird das fünfseitige Papier erstmals in Berlin vorgestellt, indem der „Optionszwang“ als ungerecht und „bürokratischer Unsinn“ beschrieben wird. Die prominenten Unterzeichner fordern einen schnellen Verzicht auf dieses Modell.

Die sogenannte Optionsregel geht zurück auf die Staatsbürgerschaftsreform von 2000. Seither erhalten in Deutschland geborene Kinder von Ausländern neben der Staatsangehörigkeit der Eltern zusätzlich einen deutschen Ausweis. Vorausgesetzt, die Eltern leben hier mindestens acht Jahre. Die Kinder müssen sich mit 18 Jahren, spätestens aber zum 23. Geburtstag für eine Nationalität entscheiden. Tun sie das nicht, verlieren sie automatisch die deutsche. Eine Sonderregelung besagte, dass damals auch Kinder unter zehn Jahren den deutschen Pass zusätzlich bekommen konnten. Die Ersten aus dieser Gruppe wurden 2008 volljährig. Wie sie sich entschieden haben, wurde bislang nicht zentral erfasst.

Zu den rund 30 Initiatoren der Unterschriftenkampagne zählen ehemalige Verfassungsrichter, Präsidenten von Wohlfahrtsverbänden und Gewerkschaftler. Koordiniert wird die Aktion vom Interkulturellen Rat in Deutschland. „Die gesammelten Unterschriften wollen wir Ende des Jahres der neuen Regierung vorlegen“, sagt Torsten Jäger vom Interkulturellen Rat. „Das Thema wird in der nächsten Legislaturperiode unausweichlich.“ 

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