Interview : "Die Verhandlungen sollten scheitern"

Politikwissenschaftler Raul Zelik über die Spannungen in Lateinamerika und die Farc-Geisel Ingrid Betancourt.

Achim Fehrenbach
Raul Zelik
Raul Zelik. -Foto: Promo

Es war ein herber Schlag gegen die kolumbianische Guerilla-Truppe Farc: Vergangene Woche töteten kolumbianische Militärs den Rebellen-Vize Raul Reyes. Die Aktion fand jenseits der Grenze in Ecuador statt, schwere Spannungen zwischen den beiden Ländern waren die Folge. Auch Venezuelas Präsident Hugo Chavez schaltete sich ein. Er nannte Kolumbiens Präsident Uribe einen "Kriminellen", "Lügner" und "Mafioso" und schickte Truppen an die Grenze. Droht nun in Lateinamerika ein Krieg? Politikwissenschaftler und Schriftsteller Raul Zelik spricht mit tagesspiegel.de über die Spannungen in der Region und die Rolle der Farc-Geisel Ingrid Betancourt.



In letzter Zeit bestand Hoffnung, dass die lebensgefährlich erkrankte Franco-Kolumbianerin Betancourt freikommt. Wie stehen die Chancen nach der Tötung von Raul Reyes?



Zelik: Es war das Ziel der Tötung, die Verhandlungen scheitern zu lassen. Raul Reyes wurde angegriffen, weil er der politische Kontaktmann der Farc ist. Die kolumbianische Regierung möchte um jeden Preis verhindern, dass es ein politisch vermitteltes Abkommen gibt, das die Farc aufwerten würde. Genau dieses Ziel verfolgen jedoch die Farc: Sie möchten politisch anerkannt werden und zeigen, dass sie keine Terroristen sind. Es gab auch Vorverhandlungen, die Freilassung der Geiseln schien bevorzustehen. Raul Reyes hätte in den kommenden Tagen eine französische Vermittlungsdelegation treffen sollen.

Trotzdem glaube ich, dass die Chancen auf eine Freilassung noch gut stehen. Einfach deswegen, weil die Farc einen großen politischen Druck spüren und auch teilweise schon das bekommen haben, was sie immer wollten: eine politische Anerkennung. Raul Reyes war in den letzten Monaten ein sehr gefragter Mann in der internationalen Politik. Und deswegen konnte er auch geortet werden: Weil er bei seinen diplomatischen Kontakten zu vielen lateinamerikanischen Ländern Spuren hinterließ.

Ein Plakat erinnert an die entführte Ingrid Betancourt Welche Rolle spielten dabei die USA?

Dieser Punkt ist in den deutschen Medien völlig ignoriert worden: Die Empörung Ecuadors hat nichts damit zu tun, dass ein Farc-Kommandant im Gefecht gestorben ist - wer dem Staat den Krieg erklärt, muss auch damit rechnen, dass der Staat ihn im Gefecht tötet. Die Empörung rührt daher, dass die Souveränität des Landes verletzt worden ist in einer Militäraktion, die offensichtlich von den USA geleitet wurde. Das kolumbianische Militär ist nicht in der Lage, eine solch präzise, satellitengestütze Militäroperation alleine durchzuführen. Reyes wurde anhand von Satellitentelefonaten geortet. Kolumbien hat offen zugegeben, dass der US-amerikanische Geheimdienst die Daten zur Verfügung gestellt hat. Man muss auch davon ausgehen, dass US-Rangers direkt am Boden, an der Leitung dieser Operation, beteiligt waren. Dies ist natürlich für ein Land wie Ecuador, das versucht, sich aus der wirtschaftlichen Umklammerung der USA zu lösen, eine große Provokation.

Venezuelas Präsident Hugo Chavez rasselt gehörig mit dem Säbel …

Sauer auf Kolumbien: Venezuelas Präsident Hugo Chavez Die Rolle von Chavez in diesem Konflikt wird verkannt. Tatsächlich ist die Regierung Chavez die erste Regierung Venezuelas gewesen, die hochrangige kolumbianische Guerilla-Vertreter nach Kolumbien ausgeliefert hat. Die Nähe zur kolumbianischen Guerilla, die Chavez immer unterstellt wird, ist nicht so eindeutig. Als Vermittler in der Geiselfrage war er sehr erfolgreich - das haben alle anerkannt. Nachdem ihn die Regierung Uribe mit der Vermittlung beauftragt hatte, handelte Chavez innerhalb von zwei Monaten eine Vorvereinbarung mit der Guerilla aus. Die Uribe-Regierung hat aber in dem Moment, in dem die Verhandlungen öffentlich werden sollten, Chavez das Mandat wieder entzogen.

Daran sieht man auch, welch seltsames Spiel Uribe treibt. Erst danach hat Chavez gegenüber Kolumbien diesen unangemessen scharfen Ton eingeschlagen. Durch die Beschimpfungen hat sich Chavez als Vermittler nun natürlich diskreditiert. Mit seinen Drohgebärden gegenüber Kolumbien wollte Chavez auf die Souveränitätsverletzung der USA und Kolumbiens gegenüber Ecuador aufmerksam machen. Wenn Ecuador alleine protestiert hätte, wäre wahrscheinlich gar nichts passiert, denn Ecuador ist ein kleines Land.

Chavez wird oft unterstellt, dass er nur von innenpolitischen Problemen ablenken will.

Natürlich dient Außenpolitik auch immer dazu, sich innenpolitisch zu profilieren. Chavez' Empörung ist aber echt. Es geht hier nicht nur darum, sich dem innenpolitischen Druck zu entziehen. Chavez hat erkannt, dass, wenn Kolumbien so weitermacht wie in den letzten Jahren, Geheimkriege gegen alle möglichen Linksregierungen in Lateinamerika bevorstehen. In Lateinamerika gibt es ja eine Reihe von Beispielen, dass Linksregierungen durch Geheimoperationen gestürzt wurden, beispielsweise in Chile und Guatemala in den 50er und 70er Jahren. Das waren alles mafiose Projekte, mit Drogengeld finanzierte Kämpfe gegen Linksregierungen.

Chavez hat also Recht, wenn er sagt: Eine derartige Souveränitätsverletzung werden wir uns nicht gefallen lassen, wir schreiten jetzt ein. Man darf auch nicht vergessen: In Venezuela sind 200 Regierungsanhänger in den letzten Jahren getötet worden - mutmaßlich von kolumbianischen Todesschwadronen. Der Krieg findet bereits statt.

Wie wird der Konflikt zwischen Venezuela und Ecuador auf der einen und Kolumbien auf der anderen Seite ausgehen?

Im Moment tagt die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) in Washington. Es ist davon auszugehen, dass eine Mehrheit der OAS-Staaten das Vorgehen Kolumbiens verurteilen wird. Die Anschuldigungen Kolumbiens gegen Venezuelas werden sicher untersucht werden. Aber man kann schon jetzt sagen, dass zumindest ein Teil dieser Anschuldigungen völlig frei erfunden ist. Ich denke, die angespannte Situation wird auf einem mittelhohen Niveau anhalten. Es ist zu befürchten, dass im Geheimen weiter gegeneinander gestichelt wird. Offene Kriegshandlungen stehen eher nicht bevor.

Raul Zelik ist Schriftsteller, Politikwissenschaftler und Lateinamerika-Experte. Seit 1985 regelmäßig in Kolumbien und Venezuela. Veröffentlichte zuletzt den Roman "Der bewaffnete Freund" (Blumenbar-Verlag).

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