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Interview : Obama: "Deutschland ist eine globale Führungsmacht"

Es ist das erste Interview des US-Präsidenten Obama mit einem deutschen Medium: Barack Obama betont seine Freundschaft zu Kanzlerin Merkel, will sie diese Woche in Washington aber auch um ein stärkeres Libyen-Engagement bitten.

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Die Goldelse kehrt Barack Obama hier noch den Rücken zu. Im Sommer 2008 besuchte Obama Berlin - damals allerdings noch als Präsidentschaftskandidat.Weitere Bilder anzeigen
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06.06.2011 07:42Die Goldelse kehrt Barack Obama hier noch den Rücken zu. Im Sommer 2008 besuchte Obama Berlin - damals allerdings noch als...

Sie zeichnen Kanzlerin Merkel am Dienstag mit der Freiheitsmedaille aus, dem höchsten zivilen Orden der USA. Welche Eigenschaften schätzen sie an ihr, die sie vielleicht von anderen europäischen Führern unterscheiden?

Nach meinem Gefühl ist Kanzlerin Merkel eine ausgezeichnete Wahl, weil sie das Versprechen der Freiheit verkörpert und die Chancen, die die Demokratie bietet. Nach dem Fall der Berliner Mauer und der deutschen Einheit hat sie Schranken überwunden, in dem sie als erste Ostdeutsche – und erste Frau – Kanzlerin wurde. Ihre Lebensgeschichte ist eine Inspiration für mich persönlich, für meine amerikanischen Mitbürger und für Menschen rund um die Erde. Sie selbst hat gesagt und ihre Biografie zeigt: "Freiheit kommt nicht von selbst. Für Freiheit muss man jeden Tag kämpfen und sie aufs Neue verteidigen." Außerdem ist sie eine aufrichtige Freundin Amerikas und eine unbeirrbare Verfechterin des Bündnisses zwischen den USA und Deutschland. Ich freue mich sehr darauf, ihr beim Staatsdinner die Freiheitsmedaille zu überreichen.

Der Umgangsstil zwischen Kanzlern und Präsidenten hat sich im Lauf der Zeit verändert. Helmut Kohl, Boris Jelzin und George Bush Senior haben sich umarmt. George W. Bush gab Angela Merkel eine Nackenmassage. Die Körpersprache zwischen Ihnen, Herr Präsident, und der Kanzlerin wirkt zurückhaltender – manche sagen, respektvoller. Andere meinen, nüchterner. Warum ist das so? Verkörpern Sie beide einen anderen Typus von Staatenlenkern im Vergleich zur vorigen Generation? Oder liegt es an den düsteren Zeiten mit Krieg, Rezession und Krisen?

Ich arbeite gerne mit Kanzlerin Merkel zusammen. Ich betrachte sie als gute Freundin und einen meiner engsten Partner in der Welt. Das ist einer der Gründe, warum ihr Besuch in Washington den ersten offiziellen Besuch mit einem Staatsdinner für einen europäischen Regierungschef in meiner Präsidentschaft markiert. Zum zehnten Mal seit meinem Amtsantritt als Präsident werden wir von Angesicht zu Angesicht miteinander diskutieren. Darüber hinaus sprechen wir häufig am Telefon und in Videokonferenzen miteinander. Meine Freundschaft mit Kanzlerin Merkel gründet auf meinem hohen Respekt und meiner Bewunderung für ihre Führungsqualitäten und auf der Erfahrung, dass ich ihr vertrauen kann, wenn sie eine Zusage macht. Unsere Nationen haben seit meinem ersten Amtstag viele Herausforderung gemeinsam bestanden. Und ich bin ihr persönlich sehr dankbar für ihre Freundschaft und Partnerschaft.

In den jüngsten Jahrzehnten hat es mehrfach Rezessionen gegeben. Dabei zeigte sich ein verlässliches Muster: Die Erholung in den USA begann früher und die Wachstumsraten waren höher als in Europa und speziell in Deutschland. Diesmal ist es anders. Deutschland hat die jüngste Rezession besser gemeistert als die USA. Warum? Und gibt es da etwas, das Amerika vom deutschen Beispiel lernen kann?

Ich bin dankbar, dass es in unseren beiden Volkswirtschaften wieder Wachstum gibt, auch wenn wir nicht immer dieselben Wege dorthin beschreiten. Mir ist bewusst, dass wir ganz unterschiedliche historische Erfahrungen haben, aus denen wir unsere Politik ableiten. Amerika ist geprägt von der Erinnerung an die hohe Arbeitslosigkeit während der Depression in den 1930er Jahren, in Deutschland hat die hohe Inflation Narben hinterlassen. Unsere grundlegenden Ziele sind aber dieselben: Wir sind uns einig, dass die Märkte verlässlich funktionieren müssen und dass Deutschland und die USA im Zentrum der Bemühungen um ein nachhaltiges und global ausgeglichenes Wachstum stehen müssen. Deutschland musste wie viele andere europäische Staaten harte Entscheidungen bei Ausgaben und Einsparungen treffen. Auch wir setzen uns damit auseinander. Wir arbeiten alle daran, die richtige Balance zu finden zwischen einer Konjunkturförderung, die für eine kräftige Erholung nötig ist, und den erforderlichen Schritten, um unsere langfristige finanzpolitische Zukunftsfähigkeit zu garantieren. Deutschland hat große Erfolge bei der Beschäftigung erzielt. Meines Wissens haben heute mehr Deutsche einen Arbeitsplatz als je zuvor in der Geschichte des vereinten Deutschlands. Viele deutsche Betriebe haben kreative Wege gefunden, wie sie in einer sich rapide verändernden Weltwirtschaft wachsen können – mit einem Schwerpunkt auf "grünen Jobs" und neuen Technologien. Darauf konzentrieren auch wir uns in den USA.

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