Interview zur Lage in Syrien : "Es droht eine weitere Verschärfung"

Bomben auf Krankenhäuser, Aushungern als Kriegswaffe. Täglich gibt es neue Horrornachrichten aus Syrien. Rudolf Seiters, der Präsident des Deutschen Roten Kreuzes, fordert freien Zugang für Hilfsorganisationen.

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Die Lage der Zivilbevölkerung in Syrien verschlechtert sich immer mehr.
Die Lage der Zivilbevölkerung in Syrien verschlechtert sich immer mehr.Foto: REUTERS

Herr Seiters, Welche Informationen haben Sie über die Situation der Zivilbevölkerung?

Die jüngsten Angriffe auf Krankenhäuser und Schulen im Norden Syriens sind ein verabscheuungswürdiger Akt. Tausende Menschen in der betroffenen Region sind nun von der Gesundheitsversorgung abgeschnitten. In der Stadt Aleppo haben die Kampfhandlungen zu einer dramatischen Verschlechterung der humanitären Lage geführt. Allein in den vergangenen Tagen sind rund 50.000 Menschen vor der Gewalt aus ihren Häusern geflohen. Wasserleitungen sind infolge der Kampfhandlungen beschädigt, Versorgungswege sind zum Teil abgeschnitten und es gibt nicht ausreichend frisches Trinkwasser und Brennmaterial. Viele Menschen sind der kalten Witterung schutzlos ausgesetzt. Damit steigt auch das Risiko für Erkrankungen deutlich an.

Rudolf Seiters, der Präsident des Deutschen Roten Kreuzes, warnt vor einer neuen Krise in Syrien.
Rudolf Seiters, der Präsident des Deutschen Roten Kreuzes, warnt vor einer neuen Krise in Syrien.Foto: promo

Wie sind die Arbeitsbedingungen für Ihre Partner vom Roten Halbmond?
Die Helfer des Roten Halbmondes, mit denen das DRK bereit seit vier Jahren eng kooperiert, arbeiten in ständiger Lebensgefahr. Seit Beginn des Konflikts haben 53 Helfer des syrisch-arabischen Roten Halbmondes sowie neun des palästinensischen Roten Halbmonds ihr Leben verloren. Heute sind in Syrien mehr als 12,2 Millionen Menschen auf humanitäre Unterstützung angewiesen, darunter 5,6 Millionen Kinder.

In München wurde ein baldiger Waffenstillstand vereinbart. Sehen Sie Chancen, dass dies umgesetzt wird?
Ich begrüße die beim jüngsten Treffen der Syrien-Kontaktgruppe vereinbarten Anstrengungen für eine Feuerpause, und ich sehe den ebenfalls angekündigten raschen Zugang für humanitäre Hilfslieferungen in belagerte Städte als Schritt in die richtige Richtung. Allerdings müssen den Worten Taten folgen. Denn noch ist von diesen Ergebnissen nichts spürbar, und es gibt bislang keine Anzeichen, dass humanitären Helfern ungehinderter Zugang zur notleidenden Bevölkerung gewährt wird.

Was wären die nächsten Schritte?
Lassen Sie es mich anders formulieren: Es droht eine weitere, deutliche Verschärfung der humanitären Lage in Syrien, falls die Bemühungen um eine Waffenruhe scheiterten. Zudem wären dann weitere Flüchtlingsbewegungen aus Syrien in die Nachbarländer und nach Deutschland zu erwarten. Schon jetzt ist die Lage in den belagerten Städten vielfach katastrophal.

RUDOLF SEITERS ist Präsident des Deutschen Roten Kreuzes. In Syrien arbeitet das DRK mit dem Roten Halbmond zusammen.

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