Irakexperte Fürtig : „Die Jesiden wollen möglichst nicht auffallen“

Irakexperte Fürtig: Die Attentate waren möglicherweise ein Racheakt für die angebliche Steinigung eines Mädchens.

Der Anschlag auf die kleine Glaubensgemeinschaft der Jesiden im Nordirak hat mehr als 200 Menschen das Leben gekostet. Was steckt hinter dieser schrecklichen Mordtat?

Nach bisherigen Informationen könnte das Attentat ein Racheakt sein. Angeblich hat es eine Zwangskonversion eines jesidischen Mädchens zum Islam gegeben, was dann von den Jesiden für diesen „Verrat an ihrer Glaubensgemeinschaft“ gesteinigt worden sein soll. Die Bilder dieser Steinigung gehen seit einigen Wochen durch das Internet. Ob das Mädchen jedoch tatsächlich gesteinigt worden ist, ließ sich bisher nicht verifizieren. Die Attentäter aber haben in ihren ersten Erklärungen gesagt, sie hätten für diese Steinigung Rache genommen.

Wer sind die Jesiden?

Den Jesiden, einer Glaubensgemeinschaft mit vorislamischen Wurzeln, gehören weltweit eine halbe Million Menschen an. Die meisten leben im Nordirak, in der Türkei, in Syrien, aber auch in Deutschland. Überall, vor allem im Nahen Osten, versuchen sie, möglichst nicht aufzufallen. Ihre strittige Zugehörigkeit zum Islam kann in einem islamistisch aufgeheizten Umfeld wie im Irak sehr schnell dazu führen, als Ungläubige oder Ketzer gebrandmarkt zu werden – mit den entsprechenden Gefahren für Leib und Leben. Dieses Mal hat ihnen ihr Bemühen, wenig Aufmerksamkeit zu erregen, offensichtlich nicht geholfen. Ungeachtet dessen wohnt dem Angriff ein hohes Maß an Irrationalität inne, das aber ein Schlaglicht auf die momentane innere Verfasstheit Iraks wirft.

Wie würden Sie diese innere Verfasstheit beschreiben?

Seit etwa einem Jahr verlaufen die Bürgerkriegslinien nicht mehr streng entsprechend den bisher bekannten ethnischen und religiösen Lagern – Kurden und Araber – beziehungsweise Sunniten und Schiiten. Es gibt inzwischen auch innerhalb der Lager Kämpfe. Unter den Sunniten finden heftige Auseinandersetzungen zwischen Al-Qaida-Terroristen und sunnitischen Stammeskämpfern statt, die sich mittlerweile nahezu täglich Gefechte liefern. Es gibt – und das wird in Europa bislang oft ausgeblendet – einen enormen rein kriminellen Untergrund: Bandenkriminalität, Entführungsindustrie und Lösegeldforderungen. Die Gemengelage der Konflikte wird immer unübersichtlicher. Es bedarf nur ganz geringer Anlässe – und es kommt zu verheerenden Gewaltexplosionen.

Wessen Handschrift trägt das Attentat gegen die Jesiden?

Es spricht vieles für den islamistischen Al-Qaida-Untergrund. Ich kann mir schwer vorstellen, dass sunnitische Stammeskämpfer, also Iraker, ein Interesse daran haben, eigene Landsleute durch eine solche Tat gegen sich aufzubringen. Den sunnitischen Irakern geht es eher darum, in der politischen Landschaft ihres Landes ein größeres Gewicht zu bekommen. Vieles spricht deshalb dafür, dass dieser Anschlag von Ausländern, also Al-Qaida-Leuten, verübt worden ist.

Das Gespräch führte Martin Gehlen.

Henner Fürtig (54) ist Irakexperte und Wissenschaftlicher Mitarbeiter am GIGA-Institut für Nahoststudien in Hamburg.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben