Iran, Afghanistan, Pakistan : Region im Aufstand

Nach dem Anschlag auf die Revolutionsgarden: Krisenherd Baluchestan gefährdet Teheran wie Islamabad.

Martin Gehlen[Kairo]
306580_0_466d3dbf.jpg

Vor fünf Monaten war die Welt zwischen Iran und Pakistan noch in Ordnung. Damals hatten beide Präsidenten mit großem Pomp einen Vorvertrag für die „Friedenspipeline“ für iranische Gaslieferungen unterzeichnet. Seit vergangenem Sonntag allerdings, als in der Grenzstadt Pisheen ein Selbstmordattentäter 42 Menschen in den Tod riss, darunter 15 Kommandeure und Mitglieder der Revolutionären Garden, wird der Ton zwischen den beiden Nachbarn immer harscher. Zwar hatte Teheran zunächst die USA und Großbritannien als Drahtzieher bezichtigt, inzwischen aber weisen alle Finger in Richtung Islamabad. „Leider haben einige pakistanische Geheimdienstler geholfen, diesen Terrorangriff auszuführen“, sagte Irans Polizeichef Esmaeil Ahmadi Moghadam und fügte hinzu: „Pakistan trägt eine direkte Verantwortung für diese Mordtat.“ Innenminister Mostafa Mohammad Najjar flog am Freitag mit großem Gefolge nach Islamabad, um eine Offensive gegen die Rebellengruppe Jundallah einzufordern. „Die Wunden des baluchischen Volkes bluten seit Jahren ohne Ende“ – mit diesem Satz hatten die „Soldaten Gottes“ zuvor im Internet ihre „Märtyreroperation“ gerechtfertigt, den bisher schwersten Anschlag auf die Elitetruppe der Islamischen Republik.

Insofern wirft die Tat ein seltenes Licht auf das Dreiländereck zwischen Iran, Pakistan und Afghanistan, wo sich seit Jahren Gotteskrieger, Drogenhändler und baluchische Aufständische tummeln. Sie alle finanzieren sich mit dem Rauschgifttransit aus Afghanistan, wo laut US-Drogenbehörde 92 Prozent des Weltheroins produziert wird – mit einem Marktwert von 50 Milliarden Euro und für eine Kundschaft von 15 Millionen Süchtigen.

Auf iranischer Seite kämpfen die sunnitischen Jundallah-Rebellen unter Führung des 28-jährigen Abdolmalek Rigi für Mitsprache, wollen aber keinen eigenen Staat. Er sei Iraner und er wolle das Leben seiner baluchischen Landsleute verbessern, wird Rigi zitiert. Denn seine Heimat Sistan-Baluchestan ist das Armenhaus des Landes. Alle wichtigen Regierungsposten sind von schiitischen Nicht-Baluchen besetzt, die lokale sunnitische Bevölkerung steht bei Indikatoren wie Lebenserwartung, Arbeitslosigkeit, Schulbildung oder Kindersterblichkeit ganz weit hinten. 2007 prangerte Amnesty International erstmals detailliert die Diskriminierungen an, denen die 3,5 Millionen Baluchen ausgesetzt sind.

Anders die zwölf Millionen pakistanischen Baluchen, deren Territorium fast die Hälfte des Staatsgebietes ausmacht. Sie wollen Unabhängigkeit, ihre jüngste Revolte begann 2005. So weigerten sich zu Beginn des Schuljahres baluchische Jugendliche, die pakistanische Flagge aufzuziehen und die Nationalhymne zu singen, berichtet Ahmed Rashid. Er gilt als einer der besten Kenner der Unruheregion. Nach seinem Urteil könnte der vom Westen weitgehend ignorierte baluchische Aufstand sogar den Zusammenbruch des pakistanischen Staates auslösen.

Trotz ungleicher politischer Ziele existieren über die poröse Grenze hinweg enge Beziehungen zwischen beiden baluchischen Rebellenbewegungen. So kopieren die rund 1000 Kämpfer der iranischen Provinz Sistan-Baluchestan immer mehr die Guerillataktiken jenseits der Grenze – Bombenanschläge, Entführungen von Polizisten sowie bewaffnete Hinterhalte auf Überlandstraßen. Eine neue Dimension bekam ihre Gewalt, als sie am 28. Mai zum ersten Mal einen Selbstmordanschlag verübten – auf eine große schiitische Moschee in der iranischen Provinzhauptstadt Zahedan. 25 Menschen starben, seitdem eskaliert der Kampf zwischen Teheran und den Aufständischen, die in der Bevölkerung beträchtlichen Rückhalt genießen. Schon zwei Tage nach der Bluttat wurden drei Männer neben der Moschee öffentlich gehängt, zwei Monate später 13 Jundallah-Mitglieder als „Feinde Gottes“ exekutiert. „Jede Hinrichtung werden wir mit einem Angriff auf Revolutionäre Garden beantworten“, kündigten die Rebellen daraufhin im Internet an. Am vergangenen Sonntag haben sie ihre Drohung wahr gemacht.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben