Politik : Iran: Islamwissenschaftler Kermani im Interview: "Der Wandel ist nicht aufzuhalten"

Was hat sich in Iran verändert[seit Mohammed]

Navid Kermani ist Iran-Experte und Autor des Buches "Iran - Die Revolution der Kinder".

Was hat sich in Iran verändert, seit Mohammed Chatami 1997 vom Volk zum Präsidenten gewählt wurde?

Das Bewusstsein der Menschen hat sich geändert. Erstmals sind Themen, die die Gesellschaft bewegen, öffentlich ausgesprochen und breit diskutiert worden. Das hat die Bevölkerung stark politisiert, auch wenn die Pressefreiheit inzwischen wieder weitgehend rückgängig gemacht worden ist.

Um welche Themen handelt es sich?

Vor allem um zwei Dinge: Die ideologische Frage nach der Herrschaft im Land: Wer ist der eigentliche Souverän - Gott oder die Menschen? Politisch gesprochen: Hat Revolutionsführer Chamenei das letzte Wort oder der vom Volk gewählte Präsident sowie das Parlament? Zum anderen die Frage nach den politischen Verbrechen. Erstmals wurde offen gefordert, dass alle, die für politische Verbrechen verantwortlich sind, zur Verantwortung gezogen werden müssen. Erstmals wurde offen ausgesprochen, dass die Intellektuellen-Morde von 1998 und die Morde an politischen Oppositionellen im Ausland, wie beim Berliner Mykonos-Attentat, Taten des Geheimdienstes waren. Erstmals wurde offen über die Hinrichtungswelle von 1988 diskutiert.

Wie wirkt sich dieser Bewusstseinswandel konkret aus?

Leider noch sehr wenig. An den politischen Strukturen, den Menschenrechten und bei den Rechten für religiöse Minderheiten hat sich nichts Entscheidendes verbessert.

Wie wird sich eine Wiederwahl Chatamis auf die Situation im Lande auswirken?

Das Amt des Staatspräsidenten hat der Verfassung nach nicht die politische Macht, um grundlegende Änderungen herbeizuführen. Das heißt aber nicht, dass der Iran sich langfristig nicht dennoch verändern könnte. Der Wandel, der sich in Iran vollzieht, ist sozialer, geistiger und religiöser eher als politischer Art. Dadurch ist er langsamer, als die meisten es sich wünschen, aber er ist auch wesentlich grundlegender.

Einen raschen Wandel zu erwarten ist also unrealistisch?

Die Politik mag so bald aus dem Patt nicht herausfinden, in das sie Reformer und Konservative manövriert haben. Aber in ihrem Schatten setzt sich die Entwicklung innerhalb der iranischen Gesellschaft mit unverminderter Dynamik fort. Frauen akzeptieren immer weniger das alte Rollenverständnis. Die Jugend orientiert sich immer offener an anderen als den islamischen Werten. Es entsteht eine neue wirtschaftliche und technologische Elite. Und das aufklärerische Denken fasst an den theologischen Hochschulen Fuß. Die politischen Veränderungen kann man womöglich durch Repressionen noch einige Jahre aufhalten, aber den gesellschaftlichen Wandel nicht. Und dieser Wandel wird am Ende auch die politische Wirklichkeit grundlegend verändern - die Frage ist nur, ob Iran mit seinen drängenden sozialen Problemen diese Zeit noch hat.

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