Isaf in Afghanistan : „Illoyal, disziplinlos, korrupt“

Der Ruf der afghanischen Sicherheitskräfte bei der internationalen Truppe Isaf könnte schlechter nicht sein.

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Schwierige Partner. US-Soldaten bei der Schießausbildung für afghanische Polizeirekruten. Foto: Ahmad Masood/AFP
Schwierige Partner. US-Soldaten bei der Schießausbildung für afghanische Polizeirekruten. Foto: Ahmad Masood/AFPFoto: REUTERS

Zwölf afghanische Offiziere sitzen an Tischen in einer großen Lagerhalle. Hinter ihnen stapeln sich Seife, Putzzeug und Verpflegung in Regalen. Vor ihnen malt eine amerikanische Soldatin mit Filzstift auf einem Flipchart. Es ist Dienstagvormittag im Oktober in einem kleinen Camp im Norden Afghanistans, 30 Kilometer nordwestlich von Mazar-i-Sharif. Die Schulstunde hat gerade begonnen.

Im Frühjahr hat die internationale Gemeinschaft auf der Londoner Afghanistankonferenz beschlossen, die heimischen Sicherheitskräfte am Hindukusch massiv auszubauen. Bis Oktober 2011 soll die afghanische Armee (Ana) auf mehr als 170 000 Soldaten, die afghanische Polizei (Anp) auf 134 000 Polizisten anwachsen. Auf deren Schultern ruht alle Hoffnung auf Sicherheit für das geschundene Land. Sie sollen es richten. In ihre Hände will man die Verantwortung übergeben, wenn die eigenen Truppen abziehen. Allein – die Wirklichkeit tut sich schwer, diesem Wunsch zu genügen.

Der Ruf der afghanischen Partner beispielsweise in den Reihen der Bundeswehr vor Ort ist, von Ausnahmen abgesehen, denkbar schlecht: Sie gelten als illoyal, disziplinlos, korrupt, zu allem fähig, aber zu wenig zu gebrauchen. Ja, man lernt gemeinsam, geht gemeinsam raus, ist gemeinsam in Gefechte verwickelt. So sieht es das „Partnering“ genannte Konzept des Westens vor. Und ja, man ist zuweilen froh, auf die Orts- und Sprachkenntnisse der Afghanen zurückgreifen zu können, auf ihre über Jahrzehnte in gewaltsamen Auseinandersetzungen erworbenen Kriegserfahrungen. Aber von „Afghan leadership“ – afghanischer Führung – kann keine Rede sein. Man steht, nach neun Jahren Einsatz am Hindukusch, noch immer am Anfang. Und der ist bekanntlich schwer.

Lektion eins: Der Aufbau von Armee und Polizei muss bei null beginnen, beim Allereinfachsten: 95 Prozent der einfachen Soldaten und 40 Prozent der Offiziere können weder lesen noch schreiben. Selbst unter den obersten Führungskräften gibt es Analphabeten. An diesem Vormittag sollen die Offiziere lernen, warum es sinnvoll ist, Waren in Regalen zu lagern und Listen darüber anzulegen. Sie gehören zur Nachschub-Kompanie, von Logistik haben sie noch nicht viel gehört in ihrem Leben. Auf der anderen Seite des Camps bauen Deutsche und Afghanen gerade eine Pionier-Schule auf, es ist die erste in ganz Afghanistan. Das gemeinsame Training findet lediglich montags und dienstags statt. Mittwoch und Sonntag sind die „religiösen Tage“ in der Ana, an denen Religion sowie Lesen und Schreiben unterrichtet wird. Donnerstags ist Putztag, und freitags ist frei. Der Unterricht montags und dienstags dauert 90 Minuten. Länger könnten sich die afghanischen Offiziere nicht konzentrieren, sagt ein deutscher Hauptfeldwebel. „Und wenn der Afghane nicht will, dann läuft sowieso gar nichts. Aber wenn er will, dann ist er sehr aufnahmefähig.“ Es ist nicht abfällig gemeint, eher so, wie wenn man über ein Kind spricht. „Nicht, dass Sie mich missverstehen“, fügt er an, „die Afghanen sind an sich sehr liebenswerte und herzliche Menschen.“ Aber irgendwie eben doch sehr hilflos.

Lektion zwei: Es prallen Welten aufeinander, unterschiedliche Logiken und Denkarten. „Wir wollen alles hundertfünfzigprozentig planen“, sagt der Hauptfeldwebel, der Afghane dagegen sei ein Meister der Improvisation und sage: „Inschallah – wenn Gott will, dass ich morgen umkomme, dann ist es eben so.“ Eigentlich müsse man die deutsche Mentalität am Flughafen abgeben, sagt der 35-Jährige, der seit vier Monaten mit einem afghanischen Partner arbeitet. Im Moment allerdings nicht, sein Partner tauchte plötzlich nicht mehr auf, nach zwei Tagen schickte er eine SMS: Seine Nichte sei krank geworden, er habe sie ins Krankenhaus nach Kabul bringen müssen.

Eine Erfahrung, die deutsche Soldaten vielerorts machen. Angehörige der Bundeswehr-Task-Force Kundus können richtig sauer werden, wenn es um ihren afghanischen Counterpart geht. Der wirke wie von der Straße geholt, in eine Uniform gesteckt und mit einem Gewehr in der Hand losgeschickt, heißt es. Keine Kondition – vor allem im Fastenmonat Ramadan gehe gar nichts. Keine Koordination – „die meisten können nicht mal einen Hampelmann“. Manchmal kämen die afghanischen Partner gar nicht zu einer verabredeten Operation, oder zu spät, oder nur zur Hälfte. Meistens seien sie mit Drogen zugedröhnt, zogen plündernd durch die Häuser statt zu helfen – und würden gern auch mal für mehrere Wochen ausfallen, weil zum Beispiel die Familie sie als Erntehelfer braucht. Dafür gibt es sogar Verständnis. „Die Afghanen sind schon loyal“, sagt ein Bundeswehr-Offizier, „aber eben ihrer Familie gegenüber nicht weniger als der Armee.“ Das hat man bei der Ana eingesehen. Da der Job ohnehin reichlich unattraktiv, weil gefährlich ist, denn Soldaten und Polizisten sind bevorzugte Anschlagsziele der Aufständischen, nimmt man Rücksicht: Wer länger als die vorgesehenen sieben Urlaubstage von der Truppe fernbleibt, aber nach Wochen tatsächlich wiederkommt, der wird nicht bestraft.

Lektion drei: Was heißt Vertrauen? „Es dauert zwei Monate, bis man kapiert, wo man ist, wie das hier eigentlich läuft“, sagt der Hauptfeldfeldwebel. Weitere zwei Monate, bis man Vertrauen zu seinem Dolmetscher und dann zum afghanischen Partner aufgebaut hat. „Man muss sehr viel Tee trinken“, für Afghanen spiele es eine sehr viel größere Rolle, ob das persönliche Verhältnis stimme, es komme viel mehr auf Gefühl und Herz an. „Eigentlich sollten wir mindestens ein Jahr, besser zwei Jahre bleiben, um wirklich feste Verbindungen aufzubauen.“ Denn man wisse nie, welche Loyalitäten der afghanische Partner außerhalb der Armee habe, mit welchen Taliban er verschwägert sei, mit welchen Aufständischen er in die Schule gegangen ist. Sechs Monate seien zu wenig, um diese Loyalitäten zu kappen. Und so fährt bei jeder gemeinsamen Patrouille das Misstrauen mit: Hat er die sensiblen Informationen weitergegeben? An wen? Ist er korrupt? „Wenn man sich immer bewusst machen würde, wie brüchig das alles ist, würde einen die Angst packen und man wäre handlungsunfähig. Also lieber nicht nachdenken.“

Lektion vier: Die Idee des „Partnering“ ist gut, aber die Umsetzung sehr schwierig. So, wie es jetzt läuft, glaubt keiner der Soldaten daran, dass die afghanische Armee ab 2014 allein zurechtkommt.

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