Politik : Israel fühlt sich durch das neue Millennium bedroht

Annabel Wahba

Das Sonderkommando soll die Apokalypse abwenden. Verdächtige Pilger werden bereits ausgewiesenAnnabel Wahba

David Katz sitzt auf seinem Bürostuhl und dreht sich langsam hin und her. Einmal nach rechts, einmal nach links. Nach einigen Minuten bleibt der Professor ruhig sitzen, den Körper seitlich weggedreht. Nur das Gesicht wendet er seiner Besucherin zu.

Katz ist Religionshistoriker der Universität Tel Aviv, und er sieht aus wie eine jener Bibelgestalten, mit denen er sich täglich beschäftigt - grauer Vollbart, die Füße in braunen Ledersandalen. Das Spezialgebiet von Katz ist die Apokalypse, das letzte Buch des Neuen Testaments. Es handelt vom Kampf des Satans gegen das Volk Gottes. Gerade hat Katz mit seinem amerikanischen Kollegen Richard Popkin ein neues Buch veröffentlicht: "Messianic Revolution". Der 47-jährige Mann wirkt bescheiden. Nur wenn er davon erzählt, dass ihn eine Spezialeinheit der israelischen Polizei um Hilfe bat, lächelt er etwas. Katz berät die Beamten beim Aufspüren christlicher Endzeit-Sekten. Er fahndet zum Beispiel im Internet nach Menschen, die für das Jahr 2000 die Ankunft Jesu in Jerusalem prophezeien.

Katz ist einer der Wenigen, die über "die Sache" noch sprechen. Denn eigentlich soll die Arbeit der Spezialeinheit geheim bleiben. Polizeichef Jehuda Vilk hat allen Redeverbot erteilt: den Angestellten der Stadt Jerusalem, den Sprechern der Ministerien und der Polizei. Mehrere Geheimdienste arbeiten mit der Spezialeinheit eng zusammen: FBI, Mossad und der israelische Inlandsgeheimdienst Shin Bet. Umgerechnet rund 22 Millionen Mark hat die Spezialeinheit zur Verfügung gestellt bekommen. Die Polizei nimmt die Gefahr eines apokalyptischen Blutbades zur Jahrtausendwende sehr ernst.

Katz ist froh darüber. "Die Beamten müssen einen Plan ausarbeiten, wie sie sich verhalten, wenn sich zum Beispiel eine Gruppe auf dem Tempelberg verbarrikadiert", sagt er. Schließlich glauben etwa 20 bis 40 Prozent aller US-Bürger, dass sie noch Zeugen der Apokalypse sein werden. Einige von ihnen glauben, dass vor der Ankunft des Messias die Al-Aqsa-Moschee auf dem Tempelberg verschwunden sein wird. Und sie glauben, dass es eine göttliche Schlacht im galiläischen Meggido geben wird. Denn in der Offenbarung des Johannes wird der Ort "Armaggedon" genannt. "Die meisten", sagt Katz, "sind harmlos." Aber eine Minderheit meint, der Apokalypse nachhelfen zu können, indem sie die Moschee in die Luft jagt. Auch ein anderes Szenario ist denkbar: Falls Jesus nicht erscheint, könnten die christlichen Fundamentalisten einen Kampf mit den Sicherheitskräften beginnen. Sozusagen die Schlacht von Armaggedon selbst anzetteln.

Einigen jüdischen Extremisten kommen solche Prophezeiungen zupass: Sie würden die Al-Aqsa-Moschee und den Felsendom, eines der wichtigsten islamischen Heiligtümer, ohnehin am liebsten abreißen und dort den Tempel Salomons wieder errichten.

Einen Anschlag auf den Tempelberg hat es schon gegeben. An einem heißen Sommertag im Jahr 1969 zündete der Australier Denis Michael Rohan die Al-Aqsa-Moschee an. Erst nach Stunden konnte der Brand gelöscht werden. Rohan hatte geglaubt, Jesus werde zur Erde zurückkehren, wenn ihm die Moschee nicht mehr im Wege stünde. Für die Polizei ist es schwer, solche potenziellen Einzeltäter unter der Masse der Pilger zu finden. Im Jahr 2000 werden immerhin vier Millionen Touristen erwartet.

Erfolgreich ist die Spezialeinheit dagegen beim Aufspüren christlicher Gruppen, die geschlossen nach Israel einreisen. Vor gut einer Woche erst verhaftete die Polizei Mitglieder eines "Gebetshauses", die sich vor Jahren auf dem Ölberg niederließen. Von den zumeist amerikanischen Christen wurden 13 sofort ausgewiesen. Sie sind Anhänger von "Bruder David", der auf dem Ölberg Zimmer an Pilger vermietet und dort jede Woche Gebetsstunden abhielt. Die Polizei sagte, die Christen hätten zur Jahrtausendwende einen kollektiven Selbstmord oder die Sprengung muslimischer Heiligtümer geplant. Ausgewiesen wurden die Endzeit-Anhänger allerdings aus eher profanen Gründen: Ihre Visa waren abgelaufen.

Bruder David, ein Mann mit schwarzem Vollbart, der stets eine Kette mit einem Kreuz und einem Davidstern um den Hals trägt, predigt leidenschaftlich gerne über das baldige Ende der Welt. "Auch das Erdbeben in der Türkei deutet darauf hin", sagte er kurz vor seiner Verhaftung.

In diesem Jahr gab es eine ganze Welle von Ausweisungen. Vor vier Wochen verweigerten Grenzbeamte im Hafen von Haifa irischen Pilgern die Einreise. Und vor zehn Monaten wurden 14 Mitglieder der amerikanischen Sekte "Concerned Christians" verhaftet und ausgewiesen. Ihr Anführer Monte Kim Miller hatte prophezeit, er werde im Dezember 1999 in den Straßen von Jerusalem getötet und drei Tage später auferstehen. Die größte Sorge der Verantwortlichen ist, dass die Gewalttat eines religiösen Fanatikers die Jahrtausendfeiern oder gar den für März geplanten Besuch von Papst Johannes Paul II. überschatten könnte. Allein zum Schutz des Tempelbezirks hat der Polizeichef deshalb bereits 430 Mann abgestellt. Zudem wurde die Präsenz von Sicherheitskräften an den Stadtgrenzen von Jerusalem und am Flughafen in Tel Aviv verstärkt.

Wie gefährlich die bisher ausgewiesenen Leute tatsächlich sind, ist umstritten. Bei keinem wurden Waffen oder gar Sprengstoff gefunden. Aber zumindest in den "Concerned Christians" sieht Katz eine Gefahr. Die besorgten Christen waren plötzlich aus ihrer Heimatstadt Denver verschwunden, weil ihr Führer glaubte, den Untergang der US-Metropole vorauszusehen. Denver steht bekanntlich noch. Dennoch reisten Millers Anhänger nach Israel und mieteten sich Häuser in den hügeligen Wäldern vor Jerusalem, um dort auf die Erlösung zu warten.

Immer mehr Christen machen sich bereits Sorgen um das Image ihres Glaubens. Der Amerikaner David Parsons ist Pressesprecher der "Internationalen Christlichen Botschaft" in Jerusalem, ein Zusammenschluss zionistischer Christen, die sich für die Rückführung der Juden in ihre biblische Heimat einsetzen. "Es wird dauernd nur von den extremen Gruppen berichtet", sagt Parsons, "aber alle Christen müssen mit dem beschädigten Ruf leben." Dabei scheint Parsons zu übersehen, dass es um den Ruf seiner Botschaft auch nicht zum Besten steht. Er und seine bibeltreuen Kollegen glauben ebenfalls, dass "der Prozess der Erlösung begonnen hat".

In dem Film "Das Leben des Bryan" gibt es eine Szene, in der eine Herde ihrem Auserwählten hinterherläuft. Ihr Zeichen ist dessen alte Sandale auf einem Stock. Yair Carlos Bar-El trifft täglich solche Leute. Am Tag zuvor war ein Amerikaner bei ihm, der sagte, er kenne Gott persönlich. Das Hotelpersonal war aufmerksam geworden, weil er ein weißes Bettlaken als Kleidung trug. Doktor Bar-El ist Psychiater. Seit er 1961 von Argentinien nach Israel einwanderte, erforscht er das sogenannte Jerusalem-Syndrom. Damit bezeichnet man eine Art religiöser Hysterie, die fromme Pilger in Jerusalem befallen kann. "In den letzen Wochen", sagt Bar-El, "ist die Zahl dieser Patienten angestiegen. Man merkt, dass das Jahr 2000 näher rückt." Denn die Begegnungen der besonderen Art häufen sich: Acht Wochen vor dem Jahrtausendwechsel haben viele Menschen in Jerusalem schon "Johannes den Täufer" oder "Jesus" beim Einkaufen getroffen. "Kürzlich sind bei uns in einem Monat drei Jungfrauen Maria eingeliefert worden", sagt Yair Bar-El.

Genauso wie Katz hilft auch Bar-El der Polizei bei den Vorbereitungen für das Jahr 2000. Er unterrichtet Beamte und Psychologen in Workshops, damit sie wissen, wie sie mit Pilgern umgehen müssen, die glauben, ein Teil der göttlichen Vorsehung zu sein. "Wenn man weiß, wie man mit so einem Menschen reden muss", sagt Bar-El und schiebt sich einen Schokokeks in den Mund, "erfährt man auch, was er vorhat." Rohan, der Brandstifter vom Tempelberg, habe sich zum Beispiel drei Tage vor dem Attentat länger mit einem Wächter der Moschee unterhalten.

Bar-El sitzt in seinem winzigen Büro und raucht holländische Zigarren. Am Fenster hängen orangefarbene Wollvorhänge, von der Decke bröckelt der Putz. Auch Bar-El hat einen grauen Vollbart. Wenn er spricht, hört man deutlich das zischende "S" des Südamerikaners heraus. "Ich rechne damit", sagt er, "dass von den Pilgern im Jahr 2000 etwa 300 bis 600 Menschen schwere psychische Probleme bekommen werden." Die Reinform des Jerusalem-Syndroms - völlig normale Touristen, die hier plötzlich davon überzeugt sind, eine göttliche Botschaft an die Menschheit weitergeben zu müssen - ist harmlos. "Sobald diese Menschen Israel verlassen", sagt der Psychiater, "werden sie wieder gesund." Gefährlich sind Leute wie Rohan, die schon mit kranken Ideen nach Jerusalem kommen. In den Gassen der Altstadt, wo jeder Stein heilig ist, glauben sie das Tor zum Himmel zu finden.

Um das zu verhindern, soll jede Ecke des Tempelbergs durch Beobachtungsposten und Kameras überwacht werden. "Kein Fleck entgeht uns", sagt Benni Ohri vom Komitee "Israel 2000". Diese Behörde koordiniert alle Vorbereitungen für das neue Millennium. "Wissen Sie", sagt Ohri, "wir haben hier eine Menge verrückter Juden, Muslime und Christen. Die Sicherheitsleute wissen schon, wie sie mit dem Problem fertig werden." Und obwohl Sylvester für die jüdischen Israelis keine Bedeutung hat, wird die Regierung eine Millenniumsparty geben. Allerdings schon am 30. Dezember, denn am nächsten Abend ist Sabbat.

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