Politik : Israel vor der Wahl: Scharon wartet auf seinen Einsatz

Charles Landsmann

Ariel Scharon ist sich seines Sieges bei der Wahl zum israelischen Ministerpräsidenten am Dienstag sicher. Schon zum Wochenende stellte der Chef des Likud-Blocks seinen persönlichen Wahlkampf ein und wartet nun in seiner Farm am Rande der Negevwüste darauf, den noch heftig wahlkämpfenden Regierungschef Ehud Barak abzulösen.

Barak hat noch eine einzige Trumpfkarte - nicht um die Niederlage abzuwenden, sondern um sie etwas abzumildern. Wenn die Meldungen aus Beirut stimmen, die inzwischen von palästinensischer Seite bestätigt wurde, und tatsächlich unter deutscher Vermittlung ein Gefangenenaustausch zwischen Hisbollah und Israel noch vor den Wahlen erfolgt, dann werden einige unentschlossene Wähler Barak mit ihrer Stimme danken. Verlierer am Wahl-Dienstag wird nicht nur Barak sein, sondern auch der Friedensprozess und damit der gesamte Nahe Osten. Für "Arik", wie der bullige Ex-General Scharon seit seiner glorreichen, aber auch umstrittenen Militärdienstzeit allgemein genannt wird, ist der Friedensprozess basierend auf den Osloer Abkommen längst gestorben. Jede für Scharon abgegebene Wahlzettel kommt deshalb nur noch einem Totenschein gleich, die Wahl der Beerdigung von "Oslo". Scharon will zu allererst Sicherheit für Israel und erst viel später, wenn überhaupt, Frieden.

Scharons Vorsprung in den Meinungsumfragen liegt seit Tagen bei rund 20 Prozentpunkten. Ihm unterliefen im Wahlkampf kaum Fehler, keine wesentlichen. Barak dagegen gelang es nicht, Scharons Maske des gutmütigen Großvaters, welche ihm seine Berater aufgesetzt hatten, herunterzureißen und den "wahren Scharon", den kriegslüsternen Nationalisten zu präsentieren.

Scharon will Baraks Arbeitspartei in eine Große Koalition einbinden, in eine "Regierung der nationalen Einheit". Barak könnte Verteidigungsminister werden, heißt es. Barak wird, um sein politisches Überleben angesichts der gewetzten Messer in seiner eigenen Partei sicherzustellen, das Angebot wohl dankend annehmen. Und um die Opposition in der Arbeitspartei zu überwinden und die Vorbehalte der internationaler Gemeinschaft abzubauen - so verlautete aus Scharons Umgebung - werde er Friedensnobelpreisträger Schimon Peres das Außenministerium anbieten.

Scharon hatte sich am Donnerstagabend mit führenden Rabbinern der im "Thora-Judentum" zusammengeschlossenen ultrareligiösen Parteien getroffen und sich mit ihnen in zweifacher Hinsicht geeinigt: Erstens in der zwischen ihnen noch offenen Sachfrage der Wehrdienstbefreiung von Religionsstudenten und zweitens darüber, dass man diese Einigung verschweige und gegenüber der Öffentlichkeit behaupte, man sei sich im Gegenteil in die Haare geraten. Mit letzteren Trick wollte Scharon vermeiden, dass die laizistischen "russischen" Einwanderer ihn als "Gefangenen der Ultrareligiösen" sehen und ihm ihre Stimme verweigern. Am Sonntag veröffentlichte nun der Rabbiner-"Rat der Thora-Größen" in den ultrareligiösen Zeitungen einen Aufruf, Scharon zu wählen - ohne ihn allerdings auch nur ein einziges Mal namentlich zu erwähnen. Dies soll erst in einer Anzeige am Wahltag selbst geschehen - so dass die "Russen" davon nicht mehr Kenntnis erhalten.

Scharon hat auch die arabischen Parteien auf seine Seite gezogen. Keine hat ihre Anhänger aufgerufen, Barak zu wählen, der vor weniger als zwei Jahren noch weit über 90 Prozent ihrer Stimmen erhalten hatte. Den Vogel abgeschossen hat allerdings der palästinensische Mufti von Jerusalem, Ekrem el-Sabri, der in einem noch nicht veröffentlichten Interview mit der ägyptischen Zeitung "Al-Gumhuriya" erklärte, kein Moslem dürfe an den israelischen Wahlen teilnehmen, denn bei diesen müsse er einem Juden seine Stimme geben - und das verbiete der Islam. Am Sonntag hat übrigens der Vorsitzende des staatlichen Wahlausschusses wegen fehlender Zuständigkeit Klagen gegen einzelne arabische Parteien wegen Zweckentfremdung von staatlichen Geldern zurückgewiesen: Sie hatten Wahlkampfzuschüsse benützt, um zum Wahlboykott aufzurufen.

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