Politik : Israels neuer Präsident: Der letzte der großen Alten (Leitartikel)

Malte Lehming

Am Sonntag war es heiß in Jerusalem, so heiß wie noch nie, seit es den Staat Israel gibt. Das Thermometer kletterte auf über 40 Grad. Nicht ganz so heiß war es am Montag, aber einen kühlen Kopf hatten sich nur wenige Abgeordnete bewahrt, als sie über den neuen, den achten Präsidenten ihres Landes abzustimmen hatten: Der Favorit fiel durch, ein Nobody gewann. Für Schimon Peres ist das Ergebnis eine Tragödie. Der Architekt des Friedensprozesses wollte seine 50-jährige politische Karriere mit dem höchsten Amt krönen. Jetzt geht er in die Geschichte ein als erster Repräsentant der Arbeiterpartei, der in einer Präsidentschaftswahl unterlag. Damit hat er sämtliche Vorurteile bestätigt, die über ihn kursierten. Vor allem das: Peres verliert selbst dann eine Wahl, wenn er gegen sich selbst antritt.

Woran liegt das? Was macht diesen Letzten aus der Riege der großen Alten, der ohne Zweifel in eine Reihe gehört mit David Ben-Gurion, Golda Meir, Menachem Begin und Jitzchak Rabin, so unbeliebt, dass er nie eine Wahl gewinnen konnte? Sein Lächeln, das ihm schnell auf den vollen Lippen liegt, wirkt weder fröhlich noch weise. Seine Art, herzlich zu sein, wirkt eher abschreckend. Und wenn der 76-Jährige mit seiner tiefen Bassstimme redet, erreichen seine sorgfältig gewählten und langsam ausgesprochenen Worte allenfalls die Köpfe der Intellektuellen - nicht die Herzen der Masse. Rabin war spröde und introvertiert, wurde aber verehrt. Über Peres dagegen, der sich in Pariser Salons ebenso heimisch fühlt wie zu Hause, werden Witze gerissen. Denn zwei Etiketten sind an ihm kleben geblieben wie Kaugummi unter der Schuhsohle: Zum einen gilt er als Träumer und Schöngeist, der leicht den Kontakt zur Realität verliert. Und zum anderen halten ihn viele für intrigant. Schon in den achtziger Jahren wurde Peres von seinen politischen Gegnern auf einem Plakat gezeigt mit dem Slogan: "Würden Sie von diesem Mann einen Gebrauchtwagen kaufen?"

Von diesem doppelt negativen Image hat sich Peres nie befreien können. Seine persönliche Tragik wird noch verstärkt durch die Tatsache, dass er nur sich selbst für die gestrige Blamage verantwortlich machen kann. Allenfalls gibt es mildernde Umstände: Israels Parlament, die Knesset, glich wieder einmal einem Flohzirkus. Die Anti-Regierungs-Stimmung, die sich seit dem Misserfolg von Camp David ihrem Höhepunkt nähert, fand in der Anti-Peres-Entscheidung ein Ventil. Die Wahl zum Präsidenten wurde zu einer Kraftprobe zwischen Regierung und Opposition. Premierminister Ehud Barak sollte einen Denkzettel erhalten. Ein Großteil der Abgeordneten hat kurzfristige taktische Erwägungen über das Wohl des Staates gestellt. Als hätte es noch eines weiteren Beweises bedurft, wurde erneut demonstriert, dass das israelische Wahlrecht das weltweit wohl schlechteste aller Demokratien ist.

Trösten wird Peres das alles nicht. Die Niederlage ist seine Niederlage. Und trösten wird ihn auch nicht, dass der politische Schaden durch die Wahl seines Konkurrenten begrenzt bleibt. Der Friedensprozess ist durch den Likud-Politiker Mosche Katzav ebenso wenig gefährdet, wie er durch Schimon Peres befördert worden wäre. Katzav, der nicht aus den Reihen der europäischen Elite stammt, will vor allem nach Innen wirken, er will gesellschaftliche Gräben überbrücken. Sein Einfluss auf die praktische Politik ist gering. Auch in Israel beschränkt sich das Amt des Präsidenten in erster Linie auf Repräsentation. Nachhaltig gestärkt ist die Opposition wegen dieser Entscheidung nicht. Ihre relative Stärke liegt eher in der Schwäche Baraks.

Ihm seien die Dramen von Tschechow lieber als die von Shakespeare, hat Schimon Peres einmal gesagt. Das war kurz nach dem historischen Händedruck zwischen Jitzchak Rabin und PLO-Chef Jassir Arafat im September 1993 im Garten des Weißen Hauses in Washington. "Bei Tschechow liegt am Ende jeder kraftlos und verwundet am Boden; die Helden sind müde, aber lebendig. Bei Shakespeare schwingen sie sich durch die Luft, in all ihrer Größe und Erhabenheit. Aber am Ende sind alle tot." Peres hat sich durch die Luft geschwungen, in all seiner Größe und Erhabenheit; jetzt liegt er kraftlos am Boden. Shakespeare und Tschechow haben sich in ihm verbunden. Die Tragik bleibt.

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