Politik : Italien: Wenn Bossi sogar die verhasste Pizza schmeckt

Werner Raith

Italiens Opositionsführer Silvio Berlusconi in Hochform: Sein einziges Ziel sei es, auf dieser Welt eine "kleine Spur" zu hinterlassen; am liebsten eine Art Rettung des Vaterlandes. Auf der Programmkonferenz seines wichtigsten Partners im Wahlbündnis "Haus der Freiheiten", der National Allianz (AN), attackierte der Chef der "Forza Italia" den Mitte-Links-Kandidaten Rutelli weit unter der politischen Gürtellinie ("Werde ihn als unwählbar aus dem Parlament hebeln") und fabulierte über ein "völlig anderes, neuartiges" politisches System, "das wir erst noch schaffen müssen".

Großer Beifall seitens seiner Alliierten vom Christlich-Sozialen Zentrum und den Unierten Christen über die Ex-Neofaschisten der AN bis zu den Gästen von der Liga Nord - besonders angesichts der sonstigen programmatischen Leere der Tagung. Doch die eigentliche Überraschung der dreitägigen Konferenz war der unvermittelte Schulterschluss zwischen den beiden "Extremflügeln" des Bündnisses, der Nationalen Allianz und der Liga Nord. Denn nicht nur, dass deren jeweilige Chefs einander seit Jahren in herzlicher Abneigung zugetan sind: "Mit so einem Faschisten - niemals", sagte einst Liga-Chef-Bossi über den AN-Vorsitzenden Fini. Dieser hatte seinerseits geschworen, mit dem Mann, der 1994 die erste Berlusconi-Regierung zu Fall gebracht hatte, niemals wieder auch nur einen Espresso trinken zu gehen.

Überdies scheinen die politischen Dogmen der AN (starke Zentralgewalt, eher Gleichschaltung denn Regionalisierung) und der Liga (die am liebsten Separatismus für Oberitaliens predigt) völlig unvereinbar. Doch nun brachten die Delegierten der AN Bossi auf der Konferenz stehende Ovationen dar, marschierte Fini neben Bossi zusammen mit Berlusconi und der Mussolini-Enkelin Alessandra durch Neapel und ging mit ihm sogar eine Pizza essen - die der Nordlichter-Boss normalerweise "ungeniessbaren Südlichter-Fraß" verunglimpft. In seiner Rede erklärte Bossi, "die Liga sei eben von ihren ursprünglichen Forderungen nach Separation von Italien einen Schritt zurückgetreten", während die AN dafür von ihrem früheren Zentralismus abgerückt sei, "sodass wir jetzt einen schönen Förderalismus bauen können".

Was freilich auf Außenstehende eher den Eindruck einer italienischen Politkomödien macht, beunruhigt die regierende Mitte-Links-Koalition durchaus: Berlusconi gelingt es derzeit immer besser, eine bisher nie dagewesene Einigkeit aller seiner Partner zu demonstrieren - genau im Gegensatz zur Linken, deren einzelne Mitglieder bei jeder noch so kleinen Frage aneinander geraten. Ein wenig Balsam auf die lädierte Seele der Linken war am Ende nur, dass die Neapolitaner draußen auf der Straße Bossi wohl noch immer nicht trauen und heftig "Hau ab" und Schlimmeres skandierten.

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