Politik : Jahrestag: Jenseits der Träume

Thomas Roser

Schwer rumpeln die Schützenpanzer über den frisch verlegten Asphalt, mit ohrenbetäubendem Lärm ziehen Düsenjäger über den Schaulustigen am Kiewer Chreschtschatyk ihre Bahn. Gefällig lässt auf der Ehrentribüne Präsident Leonid Kutschma seinen Blick über die endlose Kolonne fähnchenschwingender Schülerinnen, Kosakenreiter und Tanzgruppen schweifen: "Mit dieser Feier zeigen wir, dass die unabhängige Ukraine etabliert ist - für immer und ewig."

Viel länger als in anderen Teilen des von der Perestroika erfassten Sowjet-Imperiums hatte in den 80er Jahren in der Ukraine die "bleierne Zeit" gewährt. Erst nach der Katastrophe von Tschernobyl 1986 begann sich am Dnjepr die Opposition zu regen. Doch nicht die Verfechter einer unabhängigen Ukraine, sondern ausgerechnet die bis dahin zur Sowjetunion loyalen Kommunisten in Kiew (KPU) entpuppten sich im August 1991 als Geburtshelfer des zweitgrößten Flächenstaats Europas: Mit ihren Stimmen erklärte sich die Sowjetrepublik am 24. August für unabhängig.

"Die Ukraine, die wir uns erträumten, haben wir nicht erhalten," seufzt in seinem Büro Dmytro Ponamarchuk, der Sprecher der für die Unabhängigkeit streitenden "Ruch"-Bewegung. Müde berichtet er von mysteriösen Autounfällen und dem ungeklärten Verschwinden von Parteifreunden. Neben dem Vorsitzenden habe Ruch so rund 100 ihrer aktivsten Mitglieder verloren: "Für uns waren die zehn Jahre der Unabhängigkeit zehn harte Jahre des Leidens."

Über 90 Prozent der Wähler stimmten im Dezember 1991 der Unabhängigkeit zu. Doch die Aufbruchstimmung sollte nicht lange währen. Mit der Wahl des KPU-Chefs Leonid Krawtschuk zum ersten Präsidenten zerstob die Hoffnung der Opposition auf einen Neuanfang. Korruption und demokratische Defizite überschatten auch die Amtszeit von dessen Nachfolger Leonid Kutschma, dessen Position nach der vermutlich aus seinem Umfeld angeordneten Ermordung des Journalisten Georgij Gongadze zu Jahresbeginn nur kurz ins Wanken geriet.

Trotz leistungsstarker Schwerindustrie taumelte die einstige Kornkammer der Sowjetunion nach der Unabhängigkeit in eine tiefe Krise. Überfällige Wirtschafts- und Bodenreformen blieben lange aus, stattdessen begannen die auf Managersessel gerutschten Direktoren die einstigen Staatsbetriebe hemmungslos auszuplündern.

Nun sind endlich Anzeichen einer wirtschaftlichen Erholung zu verspüren. Industrie- und Agrarproduktion verzeichnen zweistellige Zuwachsraten. Die innerliche Zerrissenheit des Landes spiegelt sich auch in seiner Außenpolitik wider. Einerseits müht sich das Land um eine engere Anbindung an EU und Nato. Andererseits sieht sich Kiew vor allem in Krisenzeiten zum Schulterschluss mit Moskau gezwungen. Für den Westen sei die Ukraine wichtig gewesen, solange sie über Nuklearwaffen verfügte und Tschernobyl nicht geschlossen gewesen sei, meint der Kiewer Soziologie-Professor Valeri Khmelko sarkastisch: "Jetzt zeigt Westeuropa nicht mehr viel Interesse".

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