Politik : Jeder dritte Russe sieht sich in einer auswegloser Lebenslage - ein Jahresrückblick

Elke Windisch

In Moskau knallen die Sektkorken wegen des Zeitunterschiedes zwei Stunden früher als in Deutschland. Nicht einmal der Beginn eines neuen Jahrtausends kann dem dann fälligen traditionellen Trinkspruch etwas anhaben: Möge des neue Jahr nicht schlechter werden als das vergangene.

Dass die frommen Wünsche tatsächlich Wahrheit werden, glauben, wie landesweite Umfragen des Allrussischen Zentrums zur Erforschung der öffentlichen Meinung ergaben, nur sechs Prozent der Befragten. Gewisse Hoffnungen auf eine Wende zum Besseren haben immerhin 49 Prozent. Im letzten Jahr beantworteten nur 27 Prozent die gleiche Frage positiv. Drei Prozent meinen, das Jahr 2000 würde für sie schlechter. Vor einem Jahr waren es noch 33.

29 Prozent der Bevölkerung sehen sich in einer ausweglosen Situation. 1998 klagten nur 27 Prozent über das Fehlen jeglicher Perspektive, 1994 waren es 22 Prozent. Das größte Problem für die Mehrheit der Bevölkerung sind allerdings die niedrigen Gehälter (71 Prozent). Kein Wunder: Das Durchschnittseinkommen liegt bei 100 DM monatlich, wobei die Preise für Lebensmittel wegen des hohen Importanteils teilweise höher sind als in Deutschland. 29 Prozent klagen über schlechte medizinische Versorgung, 19 Prozent glauben, dass das gegenwärtige Bildungssystem ihre Kinder auf dem Arbeitsmarkt chancenlos macht, 14 Prozent nennen unzumutbare Wohnbedingungen als Hauptursache für ihre Unzufriedenheit.

Die Hälfte aller Russen - 51 Prozent - empfand 1999 als schwierig. Dennoch war 1999 in Volkes Meinung offenbar eher eines der fetten Jahre: Besser weg kam bei der Bewertung der Entwicklung im letzten Jahrzehnt nur 1997, das lediglich 37 Prozent mit Schwierigkeiten verbanden. Den absoluten Negativ-Rekord hält das Jahr des Umbruchs 1990, das 93 Prozent der Befragten als schwer in Erinnerung haben. 1998 empfanden 93 Prozent als problematisch.

Aufschlussreich sind auch die Ergebnisse einer Befragung zu allgemeinen Befindlichkeiten, bei der die Wahl zwischen fünf Varianten möglich war. 28 Prozent der Befragten gaben als dominierende Stimmungslage für das letzte Jahr Hoffnung an, 39 Prozent Apathie, 19 Prozent Angst, 17 Prozent Orientierungslosigkeit und 23 Prozent Wut. Hoffnungen auf eine bessere Zukunft, wie sie die Kommunisten fast 80 Jahre versprachen, verbinden zu Beginn des neuen Jahrhunderts 38 Prozent aller Befragten mit Premier Wladimir Putin. Das Gleiche erhoffen sich 9 Prozent der Bevölkerung von Putins Vorgänger Jewgenij Primakow, in dem im letzten Dezember noch 29 Prozent Russlands neuen Lichtbringer sahen.

Ähnlich rasante Popularitätsverluste mussten die meisten russischen Politprominenten einstecken. Während im letzten Dezember noch 24 Prozent Moskaus Oberbürgermeister Jurij Luschkow zutrauten, mit Krise, Korruption und Verbrechen aufzuräumen, glauben dies jetzt nur noch ganze 3 Prozent. Luschkow, der im letzten Jahr Rang zwei in der Hitliste der einflussreichsten Politiker Russlands belegte, schaffte es in diesem Jahr mit Ach und Krach auf Platz sieben. KP-Chef Gennadij Sjuganow fiel von Platz drei auf fünf.

Obwohl Russlands Kommunisten bei den Parlamentswahlen das bisher beste Ergebnis einfuhren, trauen dem Parteiführer nur vier Prozent zu, mit den Problemen des Landes fertig zu werden. Ex-General Lebed dagegen, in dem die öffentliche Meinung lange den potenziellen Retter Russlands und chancenreichsten Kandidaten im Kampf um die Jelzin-Nachfolge sah, ist in diesem Jahr nicht einmal unter den ersten zehn. Ebenso wenig Zar Boris selbst, der im letzten Jahr die Hitliste mit einem Vertrauensbonus von knapp vier Prozent beschloss. Bei der diesjährigen Umfrage musste der Kremlchef seinen Platz an Clinton abtreten. Allen antiwestlichen Ressentiments zum Trotz erhoffen sich von ihm zwei Prozent einschneidende Verbesserungen ihres Lebens.

Nach den Top-Ereignissen des Jahres befragt, entschieden sich 35 Prozent für die Terrorakte in Moskau, die als Anlass für den Tschetschenienkrieg herhalten mussten. Diesen selbst halten nur 33 Prozent für erinnerungswürdig. Moskaus Konflikt mit dem Westen wegen Tschetschenien empfinden gar nur 11 Prozent für bedeutsam.

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