Politik : Jemen – schwacher Staat mit starken Stämmen

Andrea Nüsse

Kairo - Die Macht der jemenitischen Zentralregierung unter Präsident Ali Salih reicht teilweise kaum über die Hauptstadt Sanaa hinaus. Ein Waffenmonopol des Staates gibt es in der tribalen Gesellschaft nicht. Der Krummdolch gehört bei vielen Stämmen zur Tradition und wird höchstens im Flugzeug abgenommen und als Gepäck aufgegeben. Doch zum Arsenal der Stämme gehören auch Feuerwaffen, Granaten und Flugabwehrraketen, die wie in der Provinz Marib auf offenen Märkten verkauft werden.

Nach dem Zusammenbruch der DDR waren die Märkte mit Waffen aus Beständen der ehemaligen Nationalen Volksarmee überschwemmt. War die Macht der Stämme in Nordjemen niemals gebrochen, so hatte ihre Bedeutung in Südjemen unter dem sozialistischen Regierungssystem abgenommen. Doch nach der Wiedervereinigung beider Staaten 1990 und den folgenden Machtkämpfen, die 1994 kurzzeitig in einen Bürgerkrieg mündeten, erstarkten auch die Stämme im Süden Jemens wieder.

Vertreter der Stämme sind zwar in das politische System, formal die einzige Demokratie auf der arabischen Halbinsel, eingebunden. Dennoch gelang es nicht, einen starken Staat zu etablieren. So zerfällt Jemen in ein politisches Zentrum und die Peripherie, die von Stämmen kontrolliert und organisiert wird. Eine der Hauptforderungen der Stämme ist die gerechtere Verteilung der Ressourcen des relativ armen Landes. Daher rühren Forderungen wie der Bau von Straßen oder Schulen, die regelmäßig bei Geiselnahmen erhoben werden.

Die Geiselnahmen von Ausländern gingen in der Vergangenheit meist unblutig aus. Verantwortlich sind meist Stämme, die ihren Forderungen bei der Zentralregierung in Sanaa Nachdruck verleihen wollen. Die Geiseln werden in der Regel unversehrt freigelassen. Auch die Geiselnahme von fünf deutschen Touristen in der Provinz Schabwa etwa 460 Kilometer südlich von Sanaa könnte diesem bekannten Muster folgen. Bisher ist nur eine Geiselnahme im Jahr 1998 blutig ausgegangen. Abweichend vom üblichen Muster hatten damals nicht Stammesmitglieder die 16 Touristen entführt, sondern eine islamistische Gruppe. Beim Zugriff der jemenitischen Sicherheitskräfte wurden vier Geiseln, drei Briten und ein Australier, und mehrere Geiselnehmer getötet.

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