Politik : Joschka Fischer: Karriere eines erfolgreichen Außenseiters

Hans Monath

Die Staatsanwaltschaft Frankfurt sucht bei ihren Ermittlungen zu Gewalttaten der linksextremistischen Szene der 70er Jahre offenbar gezielt nach Hinweisen auf die Person des heutigen Außenministers Joschka Fischer. Wie der Hamburger Wissenschaftler Wolfgang Kraushaar am Donnerstag in Berlin bekannt gab, durchsuchten Ermittler Mitte Juli die Privatwohnung und Arbeitsräume Kraushaars sowie die Wohnung des Schriftstellers und Filmemachers Alexander Kluge. In dem Durchsuchungsbeschluss zum Molotowcocktail-Angriff auf einen Polizisten bei einer Demonstration in Frankfurt am 10. Mai 1976 wird nach Kraushaars Angaben eine weibliche Person beschuldigt. Trotzdem hätten die Ermittler bei ihm Disketten mit dem Titel "Fischer" und "Fischer in Frankfurt" beschlagnahmt und nicht nach der beschuldigten Frau gefragt.

Kraushaar, der in den 70er Jahren selbst zur Frankfurter Szene gehörte, stellte am Donnerstag in Berlin sein neues Buch mit dem Titel "Fischer in Frankfurt. Karriere eines Außenseiters" vor (Hamburger Edition). Der bislang ungeklärte Molotow-CocktailAnschlag während der Frankfurter Demonstration nach dem Tod von Ulrike Meinhoff am 10. Mai spielt darin eine wichtige Rolle. So will der Autor Belege dafür gefunden haben, dass Fischer nach dieser Demonstration öffentlich eine Grenze zur Gewalt als Mittel der Politik gezogen hat.

Kraushaar machte deutlich, dass es ihm in dem Buch nicht um neue Enthüllungen gehe. Vielmehr wolle er aus der Perspektive des Zeitzeugen und Historikers die Hintergründe der Entwicklung "von einem radikalen Außenseiter zu einem der wichtigsten Männer im Staate" aufzeigen. Auch über den heutigen Außenminister gibt das Buch nach Einschätzung seines Autors Auskunft. So zeige Fischer in Krisensituationen wie in der nach dem Terroranschlägen in den USA ähnliche Verhaltensweisen wie in seiner Frankfurter Zeit. Er könne "die Außergewöhnlichkeit von politischen Situationen erkennen und in politisches Handeln umsetzen". Der Normalzustand politischen Handelns, so der Eindruck des Autors, langweile den Politiker Fischer dagegen.

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