Politik : Josef Joffe: Was macht die Welt?

Die Aktienkurse sind überall abgestürzt.

Die Aktienkurse sind überall abgestürzt. Kommt eine globale Wirtschaftskrise?

Es sind hauptsächlich die Internet- und Technologiewerte, die in den Keller gegangen sind - seit dem letzten Frühjahr. Der Crash ist also ein "weicher". Und das ist eine vernünftige Reaktion des Marktes auf den Wahn der "elektronischen Herde" in den letzten zwei Jahren. Dagegen halten sich die Werte der "Old Economy" ganz gut, jedenfalls in den USA. Ein Tipp zur Beruhigung: Man möge die Rocksäume im Auge behalten. Im Ernst. Seit 1913, seitdem es verlässliche Statistiken gibt, war die Korrelation zwischen Rocksäumen und Aktienindizes nahezu perfekt. Je kürzer die einen, desto höher die anderen. Noch bleiben Kleider und Röcke kurz. Also Aktien kaufen.

Morgen ist der internationale Tag für die Beseitigung der Armut. Wie lange wird auf solchen Gipfeln schon die Armut beseitigt? Was bringen das?

Solche Events haben die gleiche Funktion wie Beschwörungs- und Exorzismus-Rituale; wer daran glaubt, fühlt sich hinterher besser. Nationalökonomisch gesehen, kann die Armut eines Landes nur durch Produktionsvermehrung beseitigt werden. Oft hat gerade die Armut in Drittweltländern hoch politische Ursachen. Wenn zum Beispiel ein Regime lieber Waffen kauft, als in die Infrastruktur zu investieren. Oder mit dem Militärzeug Minderheiten terrorisiert - bis hin zum Bürgerkrieg. Im Krieg wird weder gesät noch geerntet; da geht es nur noch um das nackte Leben. Regierungen, die sich um das Wohl ihrer Völker kümmern und eine stabile Rechtsordnung gewähren, sind das beste Bollwerk gegen Not und Elend.

In Montenegro sieht man Milosevics Sturz mit gemischten Gefühlen. Die Chancen auf einen eigenen Staat sinken. Darf sich Montenegro von einem demokratischen Serbien abspalten?

Eine gute - sprich: schwierige - Frage. Abspaltung wird meistens mit realer oder latenter Gewalt beantwortet - siehe den amerikanischen Bürgerkrieg, siehe heute das Schicksal der Kurden in der Türkei, in Iran und im Irak. Selbst das demokratische Frankreich würde den Abmarsch der Bretonen und Korsen verhindern. Andererseits hat es im Falle der Tschechoslowakei ganz gut funktioniert; die Trennung verlief friedlich. Grundsätzlich: Je liberaler und demokratischer ein Staat, desto mehr Rechte wird er seinen diversen Staatsvölkern einräumen - siehe London gegenüber Schottland und Wales. Ein wirklich demokratisches Serbien würde in diesem Sinne den Sezessionsdruck im Kosovo und in Montenegro kräftig reduzieren.

Ein Wort zur deutschen Außenpolitik ...

Gerhard Schröder will Ende des Monats auf große Nahost-Tour gehen. Eigentlich haben Europäer in diesem Minenfeld wenig Chancen als Vermittler; man hält sich lieber an die Amerikaner, die notfalls ihre Sicherheitsgarantien auch einlösen können. Aber Schröder könnte schon etwas für die Glaubwürdigkeit und Wirksamkeit der EU tun, indem er auf milde Weise die pro-arabische Haltung der französischen Freunde kompensiert.

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