Politik : Jürgen Trittin: Der Risikofaktor bleibt

Carsten Germis

Ein Datum im Terminkalender von Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne) ist in der kommenden Woche besonders wichtig. "Fraktionssitzung" heißt es da für Dienstag nachmittag 15 Uhr. In der Fraktion gibt es eine Gruppe "Realos", die überlegen, den Aufstand gegen den umstrittenen Minister zu wagen. Es ist die letzte Sitzung vor der Osterpause. Übersteht Trittin diesen Tag im Amt, ruht wegen Ostern auch die Politik. Die Druckkulisse gegen den Umweltminister dürfte dann vorerst in sich zusammenfallen - bis er mal wieder einen politischen Fehler macht.

Ein bisschen erinnert die Situation an den Mannheimer Parteitag der SPD von 1995, als Oskar Lafontaine den glücklosen Rudolf Scharping aus dem Amt des Parteichefs putschte. Niemand äußert sich offiziell, aber überall wird über das Ende Trittins getuschelt. Als möglicher Nachfolger ist Parteichef Fritz Kuhn im Gerede. "Der Fritz Kuhn will den Job", hieß es aus grünen Parteikreisen. Dass Kuhn sich für ministrabel hält, ist eine Selbstverständlichkeit. Doch vor 2002 kann er nicht ins Kabinett. Schließlich ist gerade erst vor wenigen Wochen seine damalige Ko-Vorsitzende Renate Künast Agrarministerin geworden. Um Kuhn Trittins Platz zu sichern, müsste ein Interimskandidat das Amt bis 2002 übernehmen. Klaus Müller, Umweltminister in Kiel und zuvor Finanzexperte der Bundestagsfraktion, könnte ein solcher Kandidat sein. Doch das dürfte die Fraktion nicht mitmachen. Nach Künast muss der nächste Minister aus ihren Reihen kommen: Fraktionschefin Kerstin Müller werden Ambitionen nachgesagt. Als Lieblingskandidat der Fraktionsmehrheit gilt aber der Umweltexperte Reinhard Loske.

Aber wagen die, die Trittin aus dem Amt drängen wollen, den Aufstand? Fraktionschefin Müller kommentierte das am Sonnabend mit den Worten: "Das sind wilde Spekulationen." Fraktionssprecher Dietmar Huber meinte auf die Frage, ob Trittin in der Fraktionssitzung die Vertrauensfrage gestellt wird, "bisher gibt es keinen Antrag". Er schränkte dann aber ein, "von der Fraktionsspitze ist das nicht geplant". Sehr deutlich hat sich Parteichefin Claudia Roth für Trittin ausgesprochen. Der Minister brauche jetzt Rückenstärkung, forderte sie.

Roth mag dabei Bedenken aus der Parteispitze im Blick haben, die es für schwer vermittelbar halten, Trittin jetzt zu stürzen, nachdem er am Donnerstag im Bundestag gerade gegen den Entlassungsantrag der Opposition gestützt worden ist. Trittins größtes Problem ist, dass die Debatte über seinen Rücktritt bis Dienstag eine Eigendynamik entwickelt, die nur noch schwer zu steuern ist. Ganz nachlassen wird der Druck auf ihn nie, denn die Drohung aus der SPD-Fraktion bleibt: "Noch einen Schuss hat er nicht frei."

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