Jugendkriminalität : „Häftlinge unter 18 sind sehr selten“

Marius Fiedler, Diplom-Psychologe, Soziologe und Leiter der Jugendstrafanstalt Plötzensee in Berlin, spricht mit dem Tagesspiegel über jugendliche Straftäter.

Fiedler Foto: Imago
Marius Fiedler, ist unter anderem Sprecher der deutschen Jugendstrafanstaltsleiter. -Foto: Imago

Wie viele Häftlinge sitzen derzeit in der Jugendhaftanstalt Berlin?

Berlin gehört zu den Bundesländern, in denen die Jugendhaftanstalten überfüllt sind. Wir haben hier 534 Haftplätze, aber tatsächlich um die 570 Häftlinge. Die Tendenz ist übrigens seit Jahren stark steigend: 1990 hatten wir nur 186 Häftlinge. Allerdings ist 1990 ja auch Ostberlin hinzugekommen.

Für welche Vergehen sitzen die Jugendlichen bei Ihnen ein?

Es gibt zwei große Gruppen: 30 Prozent sitzen wegen Eigentumsdelikten, 60 Prozent wegen Mord, Totschlag, schwerer Körperverletzung und Raub.

Wie lange sind die Haftstrafen?

Im Schnitt etwa 18 Monate. Die Höchststrafe von zehn Jahren gibt es sehr selten.

Hessens Ministerpräsident Roland Koch fordert Strafen auch für Täter unter 14 Jahren. Wie alt sind denn die Häftlinge in Berlin?

Es ist schon sehr selten, dass jemand unter 18 ist. Deutschlandweit liegt der Anteil von unter 18-Jährigen seit 1980 zwischen sieben und elf Prozent. Unter 16 ist die Zahl verschwindend gering: Eine Untersuchung hat ergeben, dass an einem Stichtag 2007 bundesweit nur 52 unter 16-Jährige in Haft waren. Auch wir haben nur ein oder zwei.

Manche erklären die geringe Zahl der Haftstrafen für Jugendliche damit, dass die Richter zu lasch sind.

Es ist gut, dass in Deutschland kaum jemand wegen kleinerer und mittlerer Delikte eingesperrt wird. Wir haben aber ein Umsetzungsproblem in der Rechtsprechung. Ein Beispiel: Ein Richter gibt einem Jugendlichen Bewährung unter der Auflage, dass er seine Lehre weitermacht. Der wirft die Lehrstelle hin, aber der Richter kann die Bewährung nicht widerrufen, weil der Anwalt sagt: Das ist nicht ausreichend. Es gibt also keine Konsequenzen – der größtmögliche Erziehungsfehler. Deshalb wünsche ich mir mehr verpflichtende Angebote, schon bevor sie zu uns kommen.

Wie ist denn bei Ihnen die Erfolgsquote bei der Resozialisierung?

Wir geben uns Mühe, und es gelingt uns immer wieder. Allerdings muss man bedenken, dass, wer zu uns kommt, eine absolute negative Auslese darstellt. Bei denen hat man vorher schon alles versucht.

Das Gespräch führte Moritz Gathmann.

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