Kaczynskis Tod : Es ist nicht Katyn

Schock und Opfermythos – was der Tod von Lech Kaczynski für sein Land bedeutet, beschreibt der in Berlin lebende polnische Publizist Piotr Buras.

Piotr Buras

Polen trauert. Die größte Tragödie in der neueren polnischen Geschichte – so wird der Absturz des Präsidentenflugzeugs in Smolensk in unsere Geschichtsbücher eingehen. Ein paar Dutzend Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, das Präsidentenpaar, Spitzenpolitiker und höchste Staatsbeamte, sind ums Leben gekommen. In einer Mediengesellschaft, in der diese Personen zum Alltag beinahe jedes einzelnen Bürgers gehören, ist das ein Vorgang, der unser Vorstellungsvermögen weit übersteigt. Als hätte man gute, wenngleich nicht immer beliebte Bekannte verloren. Unser Schock ist überwältigend.

Die Versuchung, dem Unbegreiflichen jetzt einen Sinn zu verleihen, ist verständlich. Vom zweiten Katyn ist schon die Rede. Vom verfluchten Ort, der der leidgeprüften Nation wieder einen Verlust zufügt, dessen Ausmaß heute nicht einzuschätzen ist. Vor genau 70 Jahren sind mehr als 20 000 polnische Offiziere, Polizisten, Intellektuelle und andere Eliten kaltblütig auf Stalins Befehl erschossen worden. Sie, die Besten der Nation, haben in der sich die Kriegswunden heilenden Gesellschaft schmerzhaft gefehlt. Katyn ist der symbolische Ort des polnischen Schicksals im 20. Jahrhundert, der totalitären Gewalt, die über Polen rollte und für lange Zeit den Staat und seine Gesellschaft in ihren Zangen hielt. Katyn steht auch für den Aufopferungswillen und Patriotismus der Vertreter der polnischen Elite, die im Kampf um Freiheit und Unabhängigkeit ihr Leben riskierten und mit erhobenem Haupt verloren. Nun hat Polen wieder einen Teil der politischen Elite verloren. Ja, die Symbolkraft ist auf den ersten Blick gewaltig. Einen der zentralen polnischen Erinnerungsorte wird man seit gestern nicht mehr ohne das jüngste Unglück und seine Opfer denken können.

Es gibt aber keinen Fluch der Geschichte, sondern ihre erschütternde und rücksichtslose Ironie. In Smolensk sind vor allem diejenigen ums Leben gekommen, denen die Erinnerung an Katyn und das historische Bewusstsein der Polen besonders am Herzen lagen. Die Feierlichkeiten anlässlich des 70. Jahrestages des Mordes an polnischen Offizieren waren ein Meilenstein in den schwierigen polnisch- russischen Beziehungen – ein Versuch, sich einander etwas näher zu kommen. So hat Katyn 1940 mit Smolensk 2010 nichts zu tun – und die Ereignisse sollten nicht miteinander in Verbindung gebracht werden. Vergeblich würde man auch versuchen, die Tragödie in Smolensk in die polnische Opfergeschichte einzureihen. Sie auf diese Art und Weise zu rationalisieren, wäre töricht. Wofür die Opfer aufgebracht werden sollten, könnte keiner sagen.

So bleibt die Hoffnung, dass wir die Zeit der Trauer als eine Stunde des Innehaltens, der Selbstvergewisserung nutzen werden. Nationale Tragödien sind dazu da, um über das Gemeinsame, das Verbindende nachzudenken, einmal Abstand von den Niederungen des Alltäglichen zu nehmen und auf sich selbst mit Distanz zu schauen. Kann ein solcher Schock heilsam wirken?

Vor fünf Jahren, als Papst Johannes Paul II. starb, mussten wir uns auch mit einer Realität arrangieren, die absehbarer, dafür aber für einen Großteil der Nation viel schmerzhafter war als heute. Man wollte über diese Erfahrung irgendwie besser, reifer werden. Durch Unheil und kollektives Leid wollten wir eine Erneuerung des öffentlichen Lebens erreichen. Wer die polnische Politik kennt, der weiß, dass man sich von dieser Illusion schnell verabschieden musste.

Der Absturz von Smolensk wird noch lange ein nationales Trauma bleiben. Ob er auch uns Polen verändern wird, ist zu früh zu sagen – zu groß ist die Verzweiflung und Erschütterung, in der die Gesellschaft für den Augenblick erstarrt ist. Doch einen tieferen Sinn in dieser Tragödie zu erkennen – allen Parallelen, Mythen und Hoffnungen zum Trotz –, fällt schwer. Deswegen ist diese Tragödie so unbegreiflich und der Schmerz so groß.

Der Autor ist Publizist bei der polnischen Tageszeitung Gazeta Wyborcza. Er lebt in Berlin.

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