Kampf um Kobane : Verbündete greifen IS erstmals bei Tageslicht an

Zum ersten Mal hat die internationale Allianz gegen den „Islamischen Staat“ (IS) die Extremisten nahe der nordsyrischen Stadt Kobane bei Tageslicht aus der Luft angegriffen. Die Türkei lässt den IS gegen die Kurden gewähren.

Thomas Seibert
Kurdische Einheit auf einem gepanzerten Fahrzeug.
Kurdische Einheit auf einem gepanzerten Fahrzeug in Kobane.Foto: dpa

Die Kampfjets der US-geführten Verbündeten bombardierten nach Medienberichten am Dienstagmorgen erstmals bei Tageslicht die Außenbezirke der unmittelbar an der türkischen Grenze gelegenen Stadt Kobane. Kurz zuvor hatten die kurdischen Verteidiger von Kobane einen verzweifelten Hilferuf an das Ausland gerichtet. Rund zweitausend IS-Mitglieder rückten nach einer Meldung der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu in den Straßen von Kobane vor.

Amerikanische Luftangriffe in der Nacht zum Dienstag hatten den Vormarsch der Dschihadisten nicht aufhalten können. Ob die neuen Luftangriffe am Morgen eine größere Wirkung entfalteten, war zunächst unklar. Pro-kurdische Medien meldeten, IS-Kämpfer seien in mehreren Fahrzeugen vor den Luftangriffen auf türkisches Territorium geflohen. Eine Bestätigung dafür lag zunächst nicht vor.

Die Kurden in Kobane verlangten eine entschiedene Intervention des Auslands. „Diese Banden müssen bekämpft werden“, hieß es in einem Appell der kurdischen Stadtregierung „an alle internationalen Mächte“ und alle Kurden. Wenn es in Kobane ein Massaker geben sollte, dann sei die internationale Gemeinschaft mitschuld, erklärte die Stadtregierung.

Die BBC zitierte kurdische Vertreter in der Stadt mit den Worten, es werde um jedes Haus gekämpft. Am Vortag hatten die Extremisten in Außenbezirken der Stadt ihr schwarze Fahne gehisst. Anschließend drangen IS-Trupps bis ins Zentrum der Stadt vor. Von dort seien sie aber wieder vertrieben worden, erklärte der syrische Kurdenchef Salih Müslim. Offen blieb zunächst, wie viele Zivilisten sich noch in Kobane aufhalten. Rund 180.000 Menschen sind in den vergangenen drei Wochen aus Kobane in die Türkei geflohen. In der Nacht zum Dienstag kamen erneut Flüchtlinge über die Grenze. Die kurdische Stadtregierung von Kobane erklärte jedoch, „Bevölkerung und Kämpfer“ würden dem IS nicht weichen und in der Stadt bleiben. Es gebe mehrere tausend Zivilisten, die durch eine Intervention des Auslands vor dem IS gerettet werden müssten. „Die internationalen Mächte und die internationale Gemeinschaft tragen eine Mitschuld an einem möglichen Massaker.“

Nach US-Militärangaben haben die Anti-IS-Verbündeten bisher rund ein Dutzend Luftangriffe auf Stellungen der Extremisten bei Kobane gefolgen. Angesichts des Großangriffes des IS auf die Stadt und die wochenlange Belagerung ist diese Zahl sehr gering. Beim Kampf um den Mossul-Damm im Nordirak vor einigen Wochen wurden fast zehnmal so viele Angriffe geflogen. Damals gelang es, den IS aus der umkämpften Region zurückzudrängen.

Müslim, Chef der Demokratischen Unionspartei (PYD), die in den Kurdengebieten Nordsyriens herrscht, kritisierte besonders die Untätigkeit der Türkei angesichts des IS-Angriffs. Ankara hatte in den vergangenen Tagen zusätzliche Truppen und Panzer an die Grenze bei Kobane verlegt, die bisher aber nicht in die Kämpfe um die Stadt eingegriffen haben. Müslim sagte, die türkische Regierung habe ihm Hilfe für Kobane versprochen. Nun wolle er, dass die Türkei ihr Wort halte. Auch die türkische Kurdenpartei HDP verlangte eine Intervention des Auslands in Kobane.

Die Türkei sieht zu, wie der IS die Kurden bekämpft

Die Türkei zögert unter anderem, weil die PYD ein Ableger der türkisch-kurdischen Rebellenorganisation PKK ist, die als Terrorgruppe gilt. Zudem fordert Ankara, die US-geführte Koalition in Syrien solle nicht nur gegen den IS, sondern auch gegen die Truppen des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad vorgehen. Dann sein die Türkei auch zur Entsendung von Bodentruppen ins Nachbarland bereit, sagte Ministerpräsident Ahmet Davutoglu dem Fernsehsender CNN. Wenn der IS Kobane einnehmen sollte, würde das den Dschihadisten die Kontrolle über einen vierten Grenzübergang zur Türkei bescheren und die Logistik für die Gruppe in Nordsyrien erheblich erleichtern. Unterdessen wächst der innenpolitische Druck auf Davutoglu, zugunsten der Kurden in Kobane einzugreifen. In mehreren türkischen Städten gingen kurdische Demonstranten auf die Straße, um sich mit den Verteidigern der Stadt zu solidarisieren. In Istanbul lieferten sich Kurden heftige Auseinandersetzungen mit der Polizei. Für Dienstag waren neue Demonstrationen angekündigt.

Zudem droht die PKK mit einem Ende des Friedensprozesses mit Ankara, falls der IS Kobane einnimmt. Der inhaftierte PKK-Chef Abdullah Öcalan, der seit Ende 2012 mit Ankara über eine friedliche Lösung des Kurdenkonfliktes in der Türkei verhandelt, setzte der Regierung ein Ultimatum bis zum 15. Oktober, um den Friedensprozess zu retten. Sollte die PKK die Verhandlungen aufkündigen, könnten die seit anderthalb Jahren eingestellten Gefechte zwischen den kurdischen Rebellen und der türkischen Armee erneut beginnen.

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