Politik : Kampfhund-Debatte: Wir brauchen einen starken Staat (Leitartikel)

Harald Martenstein

In Deutschland kümmert sich der Staat um vieles. Vielleicht um zu vieles. Deswegen ist diese Sache so schwer zu verstehen. Warum? Warum musste schon wieder ein Mensch sterben, ein Kind, getötet von zwei Kampfhunden? Warum tut der Staat nichts dagegen, der gleiche Staat, der sich mit solcher Inbrunst um, sagen wir Falschparker kümmert? Gibt es etwa Politiker, die den Besitz von Kampfhunden ernsthaft als ein Bürgerrecht verteidigen, ein Recht, das höher anzusiedeln sei als das Recht auf Leben?

Nein, natürlich nicht. Es gibt allerdings einen bestimmten Fehler, den man in der Diskussion über ein Verbot der Kampfhunde auf keinen Fall machen darf. Auf keinen Fall darf man in dieser Diskussion die Kampfhunde mit den anderen Hunderassen in einen Topf werfen. Denn genau dies tut die Kampfhund-Lobby seit Jahren, und das mit einem gewissen Erfolg.

Die Kampfhund-Lobby sagt: Unsere Tiere sind harmlos, wenn sie richtig behandelt werden. Das Problem sind die Halter, nicht die Hunde. Auch andere Rassen, Schäferhunde zum Beispiel, können gefährlich sein, wenn sie in die falschen Hände geraten. Alle Hunde oder keiner! Unter dieser Devise hat die Kampfhund-Lobby ein starkes mentales Bündnis geschmiedet, das vom Zuhälter mit drei Pitbulls über Teile der mächtigen Tierschutzverbände bis zu der friedlichen alten Dame reicht, die einen ebenso friedlichen Pudel hegt und pflegt. Dieses Bündnis wird auf paradoxe Weise unterstützt von den grundsätzlichen Hundegegnern, und von denen, die sagen, dass Hundehaltung in der Stadt sowieso Unfug ist. Hundehasser und Hundehalter stehen sich in einer Großstadt wie Berlin feindlich gegenüber, das ist nun mal so. Die Hundegegner möchten gemeinsam mit den Kampfhunden all die anderen verhassten Viecher von der Straße bringen. Der lästige Hundekot, das dauernde Gebelle und die Kampfhunde, das gehört bei ihnen zusammen. Eine Frage der Ästhetik und eine Frage von Leben und Tod - nein, das sollte man nicht vermischen.

Die Kampfhund-Lobby hat übrigens in einigen Punkten Recht: ja, die Halter sind das Hauptproblem, ja, auch andere Hunde können bissig sein. Aber was spielt die Schuldfrage schon für eine Rolle, nach dem Tod eines Kindes? Es ist wichtiger, solche Fälle zu verhindern, als die Schuldigen zu bestrafen. Die Kampfhund-Lobby verschweigt die Tatsache, dass diese Tiere seit vielen Generationen auf Aggression hin gezüchtet wurden. Sie verschweigt, dass ihre Kiefer stärker und ihre Kraft größer sind als die anderer Hunde. Einen scharfen Schäferhund kann sein so genanntes Herrchen in den meisten Fällen zurückrufen. Einen Pitbull im Blutrausch hält niemand auf.

Diese Hunde sind gefährlicher als andere. Deswegen ist es notwendig, eine Trennlinie zu ziehen, zwischen legalen und illegalen Hunderrassen - so, wie der Staat bei Häusern eine bestimmte Traufhöhe vorgibt, auf Straßen nur ein bestimmtes Tempo erlaubt oder bei den Mieten nur eine begrenzte Steigerungsrate. Es kommt bei den Hunden auf die Halter an? Das ist auch bei Waffen so.

Hundeführerscheine oder ein Hunde-TÜV sind Augenwischerei. Wer soll das kontrollieren? Und wie? Sollen in Zukunft die Polizisten sich auch noch beißen lassen? Staaten wie Frankreich und Bundesländer wie Bayern haben vorgemacht, wie es geht. Besitz, Import und Zucht bestimmter Hunderassen müssen verboten werden. Hunde, die einmal zugebissen haben, müssen eingeschläfert werden. Sie dürfen keine zweite Chance bekommen. Hier darf der der Sozialstaat sich ruhigen Gewissens zurückziehen. Ein bissiger Mastino muss nicht genauso behandelt werden wie ein straffällig gewordener Jugendlicher, um dessen Resozialisierung man sich Sorgen macht.

Es reicht. Es sind genug Menschen gestorben oder verstümmelt worden. In Berlin, wo - wie über vieles - auch über ein Verbot der Kampfhunde seit Jahren ergebnislos diskutiert wird, soll demnächst ein Gesetzentwurf vorgelegt werden. Unterstützung fand die Kampfhund-Lobby bisher am ehesten bei CDU und PDS. Hundehalterparteien. Dort sollten die Politiker verstehen, dass es nicht gegen die Hunde insgesamt geht, sondern um das Recht der Menschen, ohne Angst in ihrer Stadt zu leben.

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