Politik : Kann man dieses Land lieben? Von Bernd Ulrich

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Gustav Heinemann hatte schon Recht, als er vor drei Jahrzehnten einem FernsehInterviewer kühl beschied: „Ich liebe nicht den Staat, ich liebe meine Frau.“ Denn er sagte es damals gegen einen Patriotismus, der allzu oft mit Revisionismus verbunden war. Viele meinten noch, Deutschland nur lieben zu können, wenn sie den dunklen Teil der eigenen Geschichte verdrängen. Der erste von der SPD gestellte Bundespräsident hatte auch deshalb gute Gründe für seine etwas patzige Antwort, weil zu der Zeit selbstgerechte politische Rechte die Sozialdemokraten immer noch als vaterlandslos bezeichneten. Denen wollte er sich nicht beugen, ihnen sagte er darum nicht, wir sind doch auch Patrioten, ihnen sagte er: Ihr könnt mich mal! Schließlich passte es zum deutschen Protestanten Heinemann, seine ganz persönlichen großen Gefühle für seine Frau und seinen Gott zu reservieren. Gustav Heinemann schwamm mit seinem berühmten Zitat gegen den Strom – und in die richtige Richtung.

Horst Köhler, der neue Bundespräsident, hat aber auch Recht, wenn er heute sagt: „Ich liebe unser Land.“ Denn in den vergangenen dreißig Jahren hat Deutschland eine Fähigkeit auf jeden Fall erworben: sich zu lieben, ohne irgendetwas zu verdrängen. Zu diesem Land und zugleich zu seiner ganzen Geschichte zu stehen, das ist heute kein unlebbarer Widerspruch mehr. Und die Haltung Heinemanns, dass alle großen Gefühle doch gefälligst dem Privaten vorbehalten sein sollen, die ist mittlerweile so weit verbreitet, dass für das Allgemeine, für das gemeine Wohl, unterm Strich oft zu wenig übrig bleibt.

Köhlers Satz stach nicht zuletzt deshalb ins Gemüt, weil sich das, was in Deutschland zurzeit über Deutschland geredet wird, alles andere als selbstbewusst anhört. Es wird beinahe nur das besprochen, was hier nicht liebenswürdig ist. Köhler wollte mit seinem Satz offenbar sagen, die deutsche Geschichte kenne ich, meine Frau und meinen Gott liebe ich sowieso, warum, bitte schön nicht auch mein Land!? Auch Köhler schwimmt also gegen den Mainstream – und in die richtige Richtung.

Natürlich zuckte man unwillkürlich etwas zusammen, als der frisch gewählte Präsident ohne jede Vorwarnung sein Bekenntnis ablegte. Es klang zu intim und zu pathetisch für unsere Ohren. Und zu amerikanisch. Denn das war offensichtlich: Diesen sehr persönlich formulierten Patriotismus hat Köhler aus den USA mitgebracht. (Ebenso seinen Schlusssatz, Gott segne unser Land, der sich anhörte wie: God bless Germany.) Ganz passt er nicht hinein in den deutschen Sprachraum. Und stellt dennoch einen Fortschritt dar gegenüber der unseligen Stolz-Debatte, die immer mal wieder aufflammte. Darf man sagen: „Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein“? Man darf schon, aber man möchte nicht. Der Satz klingt zu großkalibrig, zu prätentiös, zu gestiefelt. Dann schon lieber: Liebe.

Bekommen wir mit dem neuen Präsidenten nun wieder eine Diskussion über Patriotismus? Und die wievielte wäre das? Der Schein der Wiederholung trügt, denn die Debatten über Vaterlandsliebe verändern sich, in ihnen spiegelt sich das jeweilige Selbstbild der Bürger wider. Das war bei Heinemann so und bei von Weizsäcker, das ist heute nicht anders. Nun geht es jedoch nicht mehr nur darum, den Staat zu säkularisieren und zur Geschichte zu stehen, sondern darum, eine spezifisch deutsche Form dessen zu entwickeln, was die meisten anderen Nationen haben, ohne darüber lange reden zu müssen. Dieses Ja zum Land wird bis auf weiteres etwas unbeholfen wirken oder eben mit amerikanischem Akzent vorgetragen werden. Aber wir brauchen das – nicht um jemanden auszugrenzen, sondern, im Gegenteil, um das Wir zu formulieren, in das alle eingeschlossen sind, die hier leben. Nicht für unsere wenigen Nationalisten, sondern für unsere vielen Türken (zum Beispiel), von denen man nicht verlangen kann, sich mit einem Land zu identifizieren, das sich selbst nicht mag. Mehr Nationalkültür!

Kann man dieses Land lieben? Man könnte es mal probieren.

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