Politik : Kanzlerstraße

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Foto: Rückeis

AUF ZU DEN LINDEN!

Von Hans W. Geissendörfer

Als Filmemacher interessiert mich natürlich das schauspielerische Potenzial der Kandidaten ganz besonders. Gerhard Schröder und Joschka Fischer sind da ganz eindeutig in die Rubrik Naturtalent einzusortieren: Bei den Wahlspots von SPD und Grünen vergisst man vor lauter (Selbst-) Darstellung der beiden Protagonisten allerdings beinahe, um was es geht. Der Trick ist nicht neu, und gute Schauspieler können auch ein schwaches Drehbuch kaschieren.

Anders bei Edmund Stoiber. Der Mann schafft es, auch das beste Drehbuch zu ruinieren. Bei ihm habe ich immer das unbestimmte Gefühl, einen versprengten Bauchredner vor mir zu haben. Vorprogrammierte Betonung, rechnergesteuerte Gesten, blasse bis verzerrte oder eingefrorene Mimik – hier hat der Schauspielunterricht wirklich nichts gebracht. Es wäre von seinen Lehrern fair gewesen, Stoiber rechtzeitig über sein fehlendes Talent zu informieren. Erschwerend kommt noch hinzu, dass ich als Franke das hochdeutsche Bayerisch – gewissermaßen ein verdorbenes Bühnenbayerisch – das Stoiber spricht, grässlich finde. Es entstellt den wunderbaren bayerischen Dialekt zu einer affigen Kunstsprache.

Bliebe noch Herr Westerwelle. Ihm kann man nun wirklich keinen Hang zur Introvertiertheit nachsagen. Dennoch gehört der geföhnte Guido eher ins Zirkuszelt – und zwar ins Nachmittagsprogramm, wenn Kinderaugen freudig erregt auf quietschfidele Lachakrobaten warten.

Da lobe ich mir doch die miesepetrige Merkel, den ratlosen Riester oder das Späth-Spätzle. Deren schauspielerische Fähigkeiten sind zwar ebenfalls begrenzt. Als Charakterköpfe haben sie aber Chancen auf eine andere Karriere und müssen nicht unbedingt in den nächsten Folgen der coolen Daily Soap ns „Kanzlerstraße" ihr Brot verdienen.

Der Autor ist der Erfinder und Produzent der ARD-Fernsehserie „Lindenstraße“. Bis zum 22. September lesen Sie an dieser Stelle Stimmen zum Wahlkampf.

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