Karlspreis für Franziskus : Was der Papst für Europa tun kann

Der Papst wird an diesem Freitag mit dem renommierten Karlspreis für Verdienste um Europa geehrt – gerade weil er kein Europäer ist.

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Die Armen und Schwachen im Blick. Europa dürfe sich nicht abschotten und müsse menschlich bleiben, mahnt Papst Franziskus.
Die Armen und Schwachen im Blick. Europa dürfe sich nicht abschotten und müsse menschlich bleiben, mahnt Papst Franziskus.Foto: Giorgio Onorati/dpa

Der Papst, der Pontifex ist qua Amt ein Brückenbauer. Franziskus tut es auch tatsächlich. Er hat die Barmherzigkeit und Solidarität in den Mittelpunkt seines Pontifikats gestellt und versucht unermüdlich, Menschen zu versöhnen und zusammenzubringen: Einheimische und Geflüchtete, alte und neue Europäer, Reiche und Arme, Kulturpessimisten und Optimisten, Christen und Muslime, Religiöse und Atheisten. Am Freitag wird er dafür mit dem Aachener Karlspreis ausgezeichnet, einem der höchsten Preise für Verdienste um Europa und die europäische Einigung.

Papst Franziskus suche das Gemeinsame, nicht das Trennende und gebe mit seiner „Botschaft der Hoffnung“ Millionen Europäern Orientierung in der Frage, was Europa zusammenhalte, begründete die Jury ihre Entscheidung.

Das Problem war allerdings: Franziskus hat etwas gegen persönliche Ehrungen. Der emeritierte deutsche Kurienkardinal Walter Kasper hat ihn schließlich überzeugt – mit dem Argument, dass sich Europa in der Flüchtlingskrise in einer schwierigen Situation befinde und eine authentische, glaubwürdige, moralische Instanz brauche.

Und so treffen sich am heutigen Freitag um 12 Uhr halb Aachen, dazu die Bundeskanzlerin (CDU), Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) und zahlreiche europäische Spitzenpolitiker mit dem Papst in Rom. Die Preisverleihung findet im Sala Regia statt, in einem der Prunksäle des Vatikan. Laudatoren sind EU-Parlamentspräsident Martin Schulz (SPD), der den Preis 2015 bekommen hat, Ratspräsident Donald Tusk und Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker. Es wird erwartet, dass auch Franziskus eine Rede hält. Er bekommt außer einer Urkunde und einer Medaille ein symbolisches Preisgeld von 5000 Euro.

Nach der Vergabe geht es für die 450 Gäste der deutschen Delegation weiter mit einem Empfang bei Annette Schavan, der früheren Bundesbildungsministerin, die seit 2014 Botschafterin der Bundesrepublik im Vatikan ist. Die Feierlichkeiten enden mit einer Messe am Samstag.

Der Karlspreis ist benannt nach Karl dem Großen, der im 8. Jahrhundert Europa mit dem Schwert einigte und in Aachen gekrönt wurde. Verliehen wird der Preis seit 1950 jedes Jahr. Die bisherigen Preisträger waren eingefleischte Europäer, vom britischen Premier Winston Churchill über Konrad Adenauer bis zum spanischen König Juan Carlos, von Helmut Kohl über Angela Merkel bis zu Papst Johannes Paul II.

Er verschont die Europäer nicht mit Kritik - weil er ihnen viel zutraut

Papst Franziskus passt da auf den ersten Blick nicht rein. Er stammt aus Argentinien und ist vor drei Jahren nach Rom zugewandert, sozusagen als Arbeitsmigrant. Europa ist für ihn nicht der Mittelpunkt der Welt. Aber offenbar brauchen die Europäer jemanden von außen, der sie an ihre Stärken und Schwächen erinnert.

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2014 ging Franziskus mit den Europäern in seiner Rede vor dem Europaparlament hart ins Gericht. Europa wirke müde und alt – wie eine „Großmutter“, die nicht mehr fruchtbar und lebendig sei. „Die großen Ideale, die Europa inspiriert haben, scheinen ihre Anziehungskraft verloren zu haben zugunsten von bürokratischen Verwaltungsapparaten seiner Institutionen“, sagte er. Immer wieder mahnte er die Solidarität bei der Aufnahme von Flüchtlingen an.

Franziskus verschont die Europäer nicht mit seiner Kritik, auch weil er ihnen viel zutraut – mehr als sich die Europäer selbst zutrauen, die seit Jahren über sich vor allem im Krisenmodus reden. Er sei zuversichtlich, „dass die Schwierigkeiten zu machtvollen Förderern der Einheit werden können, um alle Ängste zu überwinden, die Europa durchlebt“. Er sei überzeugt, dass Europa seinen „humanistischen Geist“, seine Werte und seinen Reichtum neu entdecken könne und gemeinsam Probleme lösen werde.

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Franziskus hat bisher kaum europäische Zentren besucht, dafür aber Lampedusa, Albanien, Sarajewo und Lesbos. Denn von der Peripherie aus kommen die Schwachen und Armen der Gesellschaft in den Blick. Diejenigen, die nicht so viele Chancen haben und für die das Europa der Wohlhabenden und Schönen weit weg ist. Indem er sich für die Schwachen einsetzt, macht Franziskus sichtbar, was Europa braucht, um menschlich zu bleiben. Europa dürfe sich nicht abschotten, mahnt er. Sonst laufe es Gefahr, „allmählich seine Seele zu verlieren“.

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