Kaukasus-Krieg : Wer hat Schuld, wenn Bomben fallen?

Ein Konflikt, der im Mittelalter begann, und zwei Staaten, die Propaganda schleudern: Wer trägt die Schuld am Krieg in Südossetien? Kämpfen jetzt Russland und Amerika miteinander? Erklärungsversuche entlang der Front.

Elke Windisch[Moskau]

Heute bin ich sehr spät eingeschlafen, etwa gegen vier Uhr früh. Der Morgen begann dann damit, dass mich meine Mutter hektisch aufweckte. Ich war so müde, dass ich nicht einmal die Explosion des Granatwerfers gehört hatte, der eine Etage unter meiner Wohnung donnerte. Bis acht Uhr mussten wir im Keller sitzen, man konnte unmöglich irgendwo hingehen wegen des starken Beschusses. Um unser Haus herum detonierten acht Granaten unterschiedlichen Kalibers. Das Haus gegenüber wurde zweimal getroffen. Eine Wohnung im fünften Stock ist komplett zerstört. Im Nachbarhaus wurde ein alter Mann verletzt. Er stand im Treppenhaus zwischen Erdgeschoss und Keller, als neben dem Eingang eine Granate einschlug.“

Dies berichtet ein Blogger aus Zchinwali, der Hauptstadt von Südossetien, auf seiner Seite „rupor-naroda.livejournal.com“. Der Junge, Alan Kotschiew mit Namen, wird später noch von den „grausamen Georgiern“ sprechen. Aber so klar wie für ihn ist die Schuld an diesem Krieg nicht verteilt. Wer hat Recht? Wer hat Schuld? Es ist umso schwerer zu entscheiden, als nicht einmal klar wird, wer in diesem Konflikt was tut. Ein verwirrendes Spiel von Behauptung und Dementi ist im Gang, der Grauschleier der Propaganda hängt über dem Geschehen.

„Barbarische Handlungen von Seiten Georgiens“, spuckt Russlands Präsident Medwedew in die Diskussion. – „Desinformations-Kampagne im sowjetischen Stil“, schnappt Georgiens Präsident Saakaschwili zurück.

Georgiens Medien veröffentlichen Bilder, die zeigen, wie russische Flugzeuge die georgische Stadt Gori beschießen. – Es sei keine Zivilbevölkerung in Georgien beschossen worden, sagte der Sprecher der russischen Nachrichtenagentur Itar-Tass.

Mindestens 2000 Zivilisten seien ums Leben gekommen, wirft Russlands Präsident Georgien vor. – Tote Zivilisten? Habe es „praktisch nicht gegeben“, sagt Georgiens Präsident.

Er tut am Samstag zweierlei: Erst verhängt er das Kriegsrecht, dann schlägt er eine Waffenruhe vor. „Wir suchen nach einem internationalen Vermittler.“

Recht, Schuld – darüber wird es noch viel Streit geben, und wenn die Welt Glück hat, wird dieser Streit unter Aufsicht internationaler Vermittler ausgetragen. Aber über das Leid herrscht jetzt schon Klarheit. Es gibt grauenvolle Bilder von Menschen in Südossetien, die blutverschmiert zwischen Trümmern liegen. 30 000 sind auf der Flucht. In Lastwagen fliehen sie, in Privatautos, zu Fuß, die Kinder an der Hand. Und nicht nur dort haben die Menschen Angst.

Moskau, Freitagabend.

Es klappt nicht. Das Besetztzeichen kommt schon, wenn Natela Tsulaja die dritte Zahl der internationalen Vorwahl für Georgien wählt. „Scheiß-Telefon“, sagt Natela, starrt einen Moment ins Leere, dann drückt sie erneut die Tasten. Zuerst die 8, um aus dem Moskauer Netz herauszukommen, dann die 10 für internationale Gespräche, dann die 995 für Georgien. Offenbar tun das viele in diesem Moment. In Moskau leben um die 200 000 Georgier, und alle machen sich Sorgen. Um Eltern, um Kinder, um Freunde oder Bekannte drüben in Georgien. Offiziell haben Russland und Georgien sich den Krieg bisher nicht erklärt. De facto befinden sie sich bereits drei Tage im Kriegszustand.

In der Nacht zu Freitag waren Regierungstruppen aus Tiflis in Südossetien eingerückt, der nur 3900 Quadratkilometer kleinen Rebellenrepublik an Georgiens Grenze zu Russland. 1992 hatte sie sich für unabhängig erklärt, und seitdem versteht sich Moskau als Schutzmacht der Separatisten. Und Moskau reagierte. Am Freitagnachmittag beorderte es Einheiten der 58. Armee ins Krisengebiet. Man werde Georgien diese Aggression, so sagten Präsident Medwedew und Premier Putin, nicht ungestraft durchgehen lassen. Russland werde „das Leben und die Würde“ seiner Bürger schützen.

Russland schickte Kampfflugzeuge. Die ersten Bomben fielen über Zchinwali, der Hauptstadt Südossetiens, um die georgische Armee aus der Stadt zu werfen, was am Samstagmorgen gelungen war. Bald darauf fielen sie dann auch auf georgische Städte außerhalb der Krisenregionen, zum Beispiel auf Poti, Georgiens wichtigsten Hafen und Basis seiner Schwarzmeerflotte. „Etwa alle 15 Minuten“ würden russische Kampfflugzeuge in den georgischen Luftraum eindringen, heißt es am Samstagabend aus Georgien. Zudem gebe es Bodenoperationen mit Panzern, Infanteriesoldaten und Fallschirmjägern. „Wir bezeichnen die Situation als vollständigen Krieg Russlands gegen Georgien“, sagte Alexander Lomaja, Chef des Nationalen Sicherheitsrats.

Die Replik folgt prompt: In einem Telefonat mit George W. Bush, dessen Inhalt der Kreml an die Medien weitergibt, sagt der russische Präsident Medwedew, Moskau wolle keinen Krieg mit Georgien, aber Georgien habe „einen Angriff gegen friedliche Bewohner und russische Friedenssoldaten begangen und das Existenzrecht eines ganzen Volkes mit Füßen getreten“.

„Scheiß-Russland“ sagt Natela, in deren Küche seit dem frühen Morgen das Radio läuft. „Scheiß-Telefon.“ Es ist inzwischen ihr 17. Versuch, eine Verbindung nach Georgien zu bekommen. Diesmal klappt es. „Kate“, schreit sie in den Hörer, „Kate, mein Kind, mein Töchterchen, mein Liebes. Ist bei euch alles in Ordnung? Und wo ist David?“

David ist ihr Enkel, der einzige Sohn von Natelas Tochter Kate. Natela, 62, und ihr Ehemann Giwi sind Kriegsflüchtlinge – Georgier aus Abchasien, die alles verloren hatten, nachdem sich 1993 nach Südossetien auch Abchasien für unabhängig erklärt hatte. Die abchasischen Separatisten hatten damals Tausende ethnische Georgier vertrieben. Georgiens Versuch, sich Südossetien zurückzuholen, lässt Natela nun hoffen. „Erst holt Georgien Südossetien zurück und dann Abchasien“, sagt sie. Bald schon werde sie erfahren, wer all die Jahre die Mandarinen im Garten hinter ihrem kleinen Haus am Meer geerntet hat. Ein schüchternes Lächeln steht kurz in ihren dunklen Augen. Dann sind die Sorgen um Enkel David wieder da, der drüben in Georgien nun in den Krieg muss. „Heute haben sie ihn eingezogen, Kate hat ihn gerade zur Sammelstelle gebracht. Einen Tag nach seinem 21. Geburtstag.“

Verwandte hatten David mehrstimmig gerade ein Ständchen gebracht, als das Fernsehen, das im Hintergrund lief, plötzlich Präsident Saakaschwili zeigte. Er sagte: Eine Offensive zur Reintegration von Südossetien sei der einzige Weg, das Land zu retten. Der Gesang brach jäh ab.

Die Gäste gingen gegen Mitternacht, für georgische Verhältnisse unanständig früh. Als Natelas Tochter Kate in Tiflis die Reste verpackte, sah sie im Fernsehen die ersten Kriegsbilder: Georgische Panzer rollten durch die Nacht nach Norden. Bewohner jener wenigen südossetischen Dörfer, wo ethnische Georgier noch die Mehrheit stellen, begrüßten die Soldaten als Befreier, mit Rosen und Wein.

Russland erwachte mit anderen Bildern. Mit Flammen und Rauch über dem zerstörten Zchinwali. Es waren Bilder, die an Grosny erinnerten, Tschetscheniens zerstörte Hauptstadt. Universität und Krankenhaus liegen in Trümmern.

Begeisterung hier, Empörung dort – wer hat Recht, wer hat Schuld? Es ist in diesem Fall umso schwerer zu entscheiden, als dieser verworrene Konflikt bis ins frühe Mittelalter zurückreicht.

Die rund fünf Millionen Georgier gehören zu den Urbewohnern der Region. Die Osseten dagegen sind Nachfahren der Alanen, eines iranischen Reitervolks, das erst später in den Nordkaukasus einwanderte. Georgiens Könige ließen damals Festungsanlagen bauen, die in ihren Dimensionen schon fast der chinesischen Mauer glichen, um sich gegen die Überfälle dieser Neueinwanderer zu schützen. 1774 unterstellten die Osseten sich dann dem russischen Zaren, der ihnen völlige Autonomie gewährte. Die Südhälfte ihrer Region kam jedoch im Bürgerkrieg 1918 an Georgien; der Norden blieb russisch. Beide Landeshälften erhielten den Autonomiestatus – doch die damit verbundenen Rechte hat Georgien, das sich während der Perestroika zunehmend emanzipierte, in den vergangenen Jahren mehr und mehr beschnitten.

Schon 1989 hatte das südossetische Parlament deshalb für die Trennung von Georgien gestimmt – durchgesetzt hat es sich aber erst nach dem Ende der Sowjetunion 1991 in blutigen Gefechten. 1992 gab es einen Waffenstillstand. Aber Tiflis betrachtet die Region weiter als Teil Georgiens – und wird darin auch von der internationalen Gemeinschaft unterstützt.

Neu angefacht hatte den schwelenden Konflikt schließlich die Nato-Ratstagung in Bukarest Anfang April. Wegen des ungelösten Südossetien-Problems bekam Georgien keinen konkreten Termin für Beitrittsverhandlungen. Russlands Premier Putin interpretierte das als Rücksichtnahme auf russische Interessen und kündigte Mitte April „besondere Beziehungen“ zu Südossetien und Abchasien an, was der faktischen Anerkennung gleichkommt. Georgien verstärkte daraufhin seine militärische Präsenz an den Grenzen zu Abchasien und Südossetien, gleichzeitig aber auch Bemühungen um eine Verhandlungslösung.

Doch die Separatisten bemühen lieber das Kosovo als Präzedenzfall: Deren einseitige Autonomieerklärung ist gerade international anerkannt worden.

Wer hat also Recht, wer hat Schuld? Die Faktenlage, sagt Radiomann Anton Orech, sei nach wie vor sehr widersprüchlich. Orech, ein Mittvierziger mit halblangem, blondem Haar, ist Chefkommentator bei Radio Echo Moskwy, einem der wenigen Sender, die objektiv aus Südossetien informieren und alle Parteien des Konflikts zu Wort kommen lassen. Orech ist aber auch ein landesweit gefürchtetes Schandmaul, daher kommen bei ihm alle schlecht weg: die Osseten und ihre Paten in Moskau und die Georgier und ihre Paten in Washington, denn Georgien ist eifriger Unterstützer der USA im Kampf gegen den Terror.

Eigentlich, sagt Orech, kämpfen jetzt Russland und Amerika miteinander. Nur lassen sie die Kastanien von Georgiern und Osseten aus dem Feuer holen.

In der Tat: Es geht längst um mehr als um die Wiederherstellung der staatlichen Einheit Georgiens oder um die Eigenstaatlichkeit einer Minderheit, deren Rechte jahrzehntelang mit Füßen getreten wurden. Es geht vielmehr um Kontrolle über den strategisch wichtigen Südkaukasus, wo sich Russland und die USA seit dem Ende der Sowjetunion 1991 einen knallharten Verdrängungswettbewerb liefern. Es geht um die Öl- und Gasvorkommen des Kaspischen Meers, es geht um Transportwege nach Westen, es geht um die räumliche Nähe zum Iran, um einen Korridor also, über den sich dieses aufsässige Land schnell erreichen ließe.

Anton Orech schreibt vor der nächsten Sendung schnell einen letzten Satz. Politiker seien eine ähnlich katastrophale Fehlentwicklung wie das Faxgerät, mit dem sie ihre Befehle übermitteln – Befehle, durch die nicht ihr, sondern das Blut anderer vergossen werde. Er kann seine Empörung nicht mal bei der Aufzeichnung bekämpfen. Er schnauft und verhaspelt sich. „Das machen wir bitte noch mal“, sagt die Tonregisseurin.

Statt halbstündlich, bringt Echo Moskwy seit Kriegsbeginn jetzt alle fünfzehn Minuten Nachrichten. Und in hochkarätig besetzten Talk-Runden zerbrechen sich Experten den Kopf: Was tun und wie weiter?

Sofortige Waffenruhe – da ist man sich weitgehend einig. Auch darüber, dass jetzt ein ehrlicher Makler gebraucht wird, der Russland, Georgien und die Separatisten zurück an den Verhandlungstisch holt. Europa dürfte es da schwer haben. Die Südosseten haben der EU nicht verziehen, dass sie ihren „Befreiungskampf“ in den Neunzigern einfach ignoriert hat.

An solchen Ressentiments ist erst im Juli auch ein Vermittlungsversuch von Außenminister Steinmeier gescheitert. Dessen Plan sah für Abchasien und Südossetien völlige Autonomie vor, außerdem eine Sonderwirtschaftszone mit russischer Beteiligung und die Rückkehr von Kriegsflüchtlingen wie Natela und Giwi. Moskau und Tiflis fanden das auch beide ganz gut – aber nicht die Südosseten, die Moskau, wie Anton Orech befürchtet, seit der Unabhängigkeitserklärung des Kosovo nur noch bedingt im Griff habe. Und im Übrigen, meint Alexej Malaschenko von der angesehenen amerikanischen Carnegie-Stiftung, der dem Sender gerade ein Interview gegeben hat, habe Saakaschwili sich nur deshalb so weit vorgewagt, weil er glaube, dass Bush ihm für seine pro-amerikanische Politik etwas schuldig sei. Er habe einfach den Konflikt mit Südossetien vor dem Machtwechsel im Weißen Haus lösen wollen.

„Nicht der Hund steuert den Schwanz, sondern der Schwanz den Hund“, höhnt Orech. „Und die einfachen Menschen müssen es auslöffeln.“ Gerade laufen die neuesten Meldungen ein: Georgien will seine 2000 Soldaten aus dem Irak abziehen und nach Südossetien verlegen.

In Zchinwali schreibt der junge Blogger Alan Kotschiew: „Die georgischen Scharfschützen schlafen nicht, sie schießen auf alles, auch auf Kinder und Frauen. Mit dem Fernglas sieht man, dass an der Südgrenze von Zchinwali schweres Geschütz aufgefahren wird.“ Er habe sich schon als Freiwilliger gemeldet.

Mitarbeit: Kirill Bychkov, Jens Mühling

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