Politik : Kinder-Bilder-Welten: Narben der Flucht

Claudia Keller

Die kleinen Mädchen und Jungs waren fünf, neun oder 13 Jahre alt, als sie sich selbst und ihre Familien malten. Verlorene Strichmännchen im leeren Raum, Gesichter mit aufgerissenen Augen und Mündern, durcheinander gewürfelte Gegenstände auf schiefer Ebene. Als ob eine Bombe eingeschlagen hätte. Das hatte sie tatsächlich. Als sie 1945 den Malstift in die Hand nahmen, hatten viele Kinder die Bombardierung von Städten erlebt, waren in Konzentrationslagern täglich mit dem Tod konfrontiert. Auf der Flucht vor den Nazis hatten sie oft ganz Europa durchquert. Bis sie endlich in die Schweiz entkommen konnten. Wie Oskar, sieben Jahre, aus Polen, dessen hier gedruckte Zeichnung wir dem Band "Kinder-Bilder-Welten" entnahmen.

51 000 Flüchtlingen, davon 10 500 Kindern gewährte die Alpenrepublik während des Krieges vorübergehend Asyl. 1945 interessierten sich Schweizer Psychologen erstmals für die Frage, welche Narben die Flucht in den Kinderseelen hinterlassen hatte. Sie ließen 140 Mädchen und Jungen in neun Kinderheimen malen. Sich selbst und ihre Familien. Der Pendo Verlag hat nun 91 der anrührenden Bilder veröffentlicht. Ergänzt durch Fragebögen, auf denen Lehrer seinerzeit zusammengetragen haben, was sie über das Schicksal der Flüchtlingskinder wussten. Wie weit die Kinder vom normalen Alltag entfernt waren, zeigt der Ausruf eines sechsjährigen Mädchens, das nie ein geordnetes Familienleben erfahren hat, beim Betreten einer Schweizer Wohnung: "Das ist das schönste Lager, das ich gesehen habe, da möchte ich bleiben!"

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