Politik : Kinder sind nicht "einfach da" - sie zeigen uns den Weg zur Solidarität (Meinung)

Tissy Bruns

Immer zwei und zwei, so gehen die Schulanfänger. Aber sie gehen nicht mehr Hand in Hand wie die aus dem Kindergarten: Nabelfrei schlendern die Teenie-Mädchen. Verwegen tief, damit man die Boxer-Shorts auch blitzen sieht, tragen die halbwüchsigen Jungen ihre Hosen. Die fallen lang und schlapp auf riesengroße Schuhe und werden übrigens von beiden Geschlechtern getragen. - Besichtigungstag in Berlin. Das Schuljahr ist alt genug für den ersten Klassenausflug, und so sehen wir diese Woche am Brandenburger Tor, Unter den Linden, im Tiergarten, was wir sonst nicht sehen: Kinder, Kinder.

Weil wir sie sonst nicht, jedenfalls nicht in diesen Mengen, sehen, brauchen wir einen Kinder- und Jugendbericht. Und einen Bundestag, der darüber diskutiert - allerdings so, als hätte er seit Jahren keine Schulklasse beim Ausflug mehr gesehen. Wer sich gegenseitig mangelnde "kinderpolitische Glaubwürdigkeit" vorhält, hat ganz gewiss keine. Und wer die "Prüfung einer Einführung einer Kinderverträglichkeitsprüfung" vorschlägt, der mag es gut meinen; wenigstens bei einer Kinderdebatte sollten sich die Abgeordneten doch so ausdrücken, dass Erwachsene sie verstehen können.

Kinder sind eine Randgruppe geworden, über die man wenig weiß und viel vermutet, zumeist nichts Gutes: kaputte Familien, Gewalt, Drogen, Armut, Fernsehsucht. Diese Probleme gibt es, und sie müssen ernst genommen werden. Aber ein Bild über Kinder und Kindheit in Deutschland vermitteln sie nicht. Wenn eines dieser Themen Konjunktur hat in den Medien, dann wird vielmehr in schöner Regelmäßigkeit offenbar, wie sehr unsere Gesellschaft entfremdet ist von den Kindern. Leben wirklich immer mehr Kinder bei alleinerziehenden Müttern? Tatsächlich sind noch nie soviele Kinder in intakten Zwei-Eltern-Familien erwachsen geworden wie im letzten Viertel dieses Jahrhunderts. Nimmt die Gewalt auf unseren Schulhöfen wirklich zu? Ein Blick zu diesem Thema in "Das fliegende Klassenzimmer" aus den 50er Jahren: kein Ort, an dem heutzutage so eine Klassenkeilerei möglich wäre.

Deutschland ist kein kinderfeindliches Land. Aber Deutschland fremdelt mit seinen Kindern. Fast niemand kann sich auf Lebenserfahrung und gesunden Menschenverstand verlassen, wenn es um Kinder geht. Das erste Kind im "Nahbereich" ist meist das eigene, es wird deshalb als ebenso sensationell wie beängstigend empfunden. Nicht nur deshalb ist Unsicherheit das Kennzeichen von Elternschaft geworden. Wie Moden wechseln die Ansichten darüber, was richtig und falsch ist bei der Kindererziehung. Es gibt keine endgültige, keine allgemein gültige Antwort darauf, wieviel Fernsehen zu viel ist, wann die Freundin beim Sohn übernachten darf, ob die Großeltern mit den Geldgeschenken nicht übertreiben.

Und die berufstätige Mutter, die Geborgenheit, die dem Kind verloren geht? Die Eltern von heute haben kein Vorbild mehr in ihren Herkunftsfamilien, auf das sie sich stützen könnten. Alles ist Privatsache. Das elementare Gefühl dafür, dass alle für die Kinder sorgen müssen, weil sie die Zukunft sind, hat sich verkürzt auf den Ruf nach dem Staat. Da muss über Selbstverständlichkeiten hart gestritten werden. Dass Kinder Privatsache sind und dem Staat deshalb steuerrechtlich gleichgültig sein könnten, gilt auch intelligenten Zeitgenossen als diskussionswürdiger Standpunkt.

Rot-grünen Politikern gefällt die Formel, dass dem Staat jedes Kind gleich viel wert sein sollte - doch Kindergeld und Freibeträge sind keine staatliche Wohltat für Familien. Der Staat gibt auf diese Weise bloß zurück, was er den steuerzahlenden Eltern im Übermaß abgenommen hat - über Jahrzehnte zuwenig, hat das Verfassungsgericht festgestellt. Zwischen Familien und Staat steht eine besorgt fragende, unwissende Gesellschaft, die sich nicht zuständig fühlt. Kinder sind nicht "einfach da", sagt der Bericht sehr treffend. Wer die modernen Industriegesellschaften ansieht, weiß, dass keine staatliche Sozialpolitik für mehr Kinder sorgen kann, die uns das Gefühl der Selbstverständlichkeit zurückgeben.

Die Frage nach der solidarischen Gesellschaft, die der Kinderbericht aufwirft, fängt nicht erst bei den vielen Kindern an, die von Sozialhilfe leben. Kinder sind in unserer individualisierten Gesellschaft der einzige natürliche Zwang zur Solidarität. Und sie selbst sind dafür das Vorbild: Kann irgendjemand die stolzen Erstklässler anders als gerührt ansehen, mit dieser Mischung aus etwas Mitleid und ganz viel Neid? Mitleid mit ihrer erwachsenen Zukunft, mit Neid auf ihre unbekümmerte Gemeinschaft.

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