Kindesmisshandlung in Deutschland : Falsche Toleranz

Kindesmisshandlung ist in Deutschland noch immer ein alltägliches Phänomen. Mindestens ein Kind pro Tag stirbt hierzulande durch die Hände seiner Eltern. Was läuft da schief?

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Das Grab der getöteten Jessica.
Das Grab der getöteten Jessica.Foto: dpa

Die Charité-Mediziner Saskia Guddat (inzwischen verheiratete Etzold) und Michael Tsokos zitieren in ihrer am Donnerstag vorgestellten Streitschrift „Deutschland misshandelt seine Kinder“ einen Arzt, der an ihrer Klinik in der Ausbildung war. Es sei doch in Ordnung, sagte er, wenn er sein eigenes Kind schlage, schließlich sei es „nicht das Kind des Nachbarn“. In Deutschland verliert diese Meinung erst allmählich an Legitimation.

Wer misshandelt Kinder in Deutschland?

Gewalt gegen Kinder geschieht in sämtlichen Milieus, in Plattenbauten wie in Villen. Täter sind statistisch zu gleichen Teilen leibliche Väter und Mütter, oft auch Lebenspartner getrennter Eltern. Erwachsene wissen heute zunehmend, dass diese Gewalt verboten ist. Die Täter hinterlassen jetzt weniger Spuren an Gesicht und Händen. Sie behalten Kinder zuhause oder kleben sogar Fenster mit Folie ab. Wissenschaftlich erwiesen ist, dass gewalttätige Eltern oft an Persönlichkeitsstörungen oder Suchterkrankungen leiden. Frustrationen und emotionale Spannungen lassen sie an Kindern aus, die sie zu privaten Sündenböcken machen. Meist fehlt ihnen das Wahrnehmen des Kindes als eigenständiger Persönlichkeit.

Wie viele Kinder erleiden Misshandlung?

Laut Polizeistatistik werden in Deutschland derzeit jährlich 3600 bis 4000 Minderjährige, oft sehr kleine Kinder, krankenhausreif geschlagen. Auf einen Fall, der bei der Polizei angezeigt wird, kommen, je nach Schätzung unterschiedlicher Institutionen im Kinderschutz, 50 bis 400 ähnlich schwere Fälle von Misshandlung, die nicht angezeigt werden. Im Schnitt werden pro Jahr 60000 Kinder nach einem Unfall in Kliniken eingeliefert. Oft fehlt Ärzten das Wissen, um Symptome von Misshandlungen klar zu erkennen. Deutschlands offizielle Statistik weist 160 getötete Kinder pro Jahr auf, die Dunkelziffer liegt bei mindestens 320 bis 350 getöteten und etwa 200000 misshandelten Kindern pro Jahr. Bundesweit wurden 2012 rund 40000 Kinder vom Jugendamt in Obhut genommen, so viele wie nie zuvor. Geschätzte 60 Prozent der schweren Misshandlungsfälle – vermutlich viel mehr – landen nie vor Gericht. 2013 gaben 22,3 Prozent der Kinder in Deutschland in einer Gewaltstudie an, dass sie von Erwachsenen physische Gewalt erfahren.

Was fügen misshandelnde Täter Kindern zu?

Mehr, als sich viele Leute vorstellen wollen, mehr als die meisten Täter einräumen. Misshandlungen von Kindern reichen von „schlichten“ Klapsen bis zu schweren physischen und psychischen Verletzungen. Kinder, besonders Kleinkinder, ehe sie sprechen können, werden von Tätern, meist Müttern und Vätern, mit heißem Wasser verbrüht, mit Zigarettenkippen verbrannt, erhalten Schläge mit Gegenständen, die Hämatome oder Knochen- und Schädelbrüche hervorrufen. Kinder bekommen Haarbüschel und Kopfhaut ausgerissen („Scalping“), sie werden auf glühende Herdplatten gesetzt, sie werden gebissen, festgebunden. Säuglinge werden so lange geschüttelt, bis schwerste Gehirnschäden oder der Tod eintreten. Kinderschützer bezeichnen solche Delikte als Folter. Juristisch gesehen sind sie Straftaten, die geahndet werden müssen. Darüber hinaus erfahren Kinder emotionale und hygienische Vernachlässigung, seelische Grausamkeit und verbale Entwertungen („du kannst nichts“, Schimpfworte, Flüche), sie werden erschreckenden Situationen ausgesetzt wie dem Einsperren in lichtlose Räume.

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