Kindesmisshandlung in Deutschland : Milliarden zum Schutz der Täter?

Die Streitschrift „Deutschland misshandelt seine Kinder“ will aufräumen mit dem notorischen Wegsehen im Kinderschutz. Mindestens ein Kind pro Tag stirbt hierzulande durch die Hände seiner Eltern.

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Mindestens ein Kind pro Tag stirbt durch die Hände seiner Eltern oder den Lebenspartner. Im Fall Zoe hatten viele staatliche und andere Stellen die Möglichkeit, Verdacht zu schöpfen
Mindestens ein Kind pro Tag stirbt durch die Hände seiner Eltern oder den Lebenspartner. Im Fall Zoe hatten viele staatliche und...Foto: imago

In der Notaufnahme einer Klinik hockt ein Dreijähriger auf der Pritsche. Besonders geschulte Ärzte sollen den Kleinen begutachten. Sein Körper ist übersät mit Blutergüssen und den Spuren von Bissen: Verdacht auf Kindesmisshandlung. Den Rechtsmedizinern gegenüber benimmt sich der Junge auffällig: Mehrmals greift er nach den Armen der Mediziner, die freundlich zu ihm sind, und legt die Arme der anderen um seinen Oberkörper. Das  Kind, so seine wortlose Botschaft, will umarmt werden, es sucht Nähe und Wärme. Den Ärzten liefert es damit ein weiteres Indiz für erlittene Misshandlung. Denn Kinder, die sich daran gewöhnen mussten, dass Erwachsene, meist die Eltern, ihnen vorsätzlich Schmerzen zufügen, zeigen häufig zwei signalhafte Reaktionen. Entweder verharren sie in einer Art aufmerksamer Schockstarre oder sie weisen auffällige Zutraulichkeit und Distanzarmut auf, wie dieser kleine Berliner.

Diese Szene ist eine von vielen, die Saskia Guddat gemeinsam mit ihrem Kollegen, dem Charité-Professor für Rechtsmedizin Michael Tsokos, in einem Buch vorlegt, das die beiden eine „Streitschrift“ nennen, ein „Debattenbuch“. (Deutschland misshandelt seine Kinder. Michael Tsokos und  Saskia Guddat (mit Andreas Gößling): Droemer Verlag, München. 256 Seiten, 19,99 Euro.) Kernthese: Im deutschen Kinderschutz wird untolerierbar vieles falsch gemacht und könnte fast alles besser gemacht werden. Denn Familien mit Kindern wie Tyler Reese erhalten zu oft über Jahre hinweg Hilfe von Jugendämtern und Freien Trägern, deren Effekt kaum mehr ist, als „begleitete Misshandlung“.  

Wenn die Medizinerin Saskia Guddat zu einem Vortrag Bilder aus ihrer Berufspraxis zeigt, mutet sie dem Publikum viel zu. Zierlich, pragmatisch, klar in Tonfall und Text, konfrontiert die Rechtsmedizinerin ihr Publikum mit Wahrheiten, die kaum einer wissen will. Nicht einmal in den Jugendämtern. Zu ihrem Job am Klinikum Charité in Berlin gehört es unter anderem, solche Säuglinge oder Kleinkinder zu obduzieren, die das Martyrium ihrer Misshandlung nicht überlebt haben. Guddat, Jahrgang 1980, zeigt bei Vorträgen klinische Abbildungen, etwa die Röntgenaufnahme vom Gehirn eines Säuglings, der an einem Schütteltrauma starb, eines der Spezialgebiete der Fachärztin. Als Guddat im November 2010 auf einer interdisziplinären Fachtagung zum Kinderschutz Bilder aus ihrer Praxis zeigt, fiel im Publikum einer der Fachteilnehmer in Ohnmacht, eine Ambulanz musste gerufen werden. Für Guddat sind die Abbildungen, mehr noch, die lebenden und toten Kinder, mit denen sie in ihrer Arbeit zu tun hat, tägliche Routine. Kalt lässt die gesammelt wirkende Medizinerin ihr Thema jedoch nicht.  Im Gegenteil. Die Streitschrift, die ihr Kollege und sie jetzt vorlegen, provokativ zugespitzt und zornig, zeugt vom Ende der Geduld bei den beiden Experten – wie bei anderen ihrer Kollegen, etwa der Rechtsmedizinerin Constanze Niess, die diese Woche in ihrem Essay im „Spiegel“ ähnliche Auffassungen vertritt.

Wer, wie die beiden Autoren der scharfen Streitschrift, beruflich misshandelte Kinder und deren Familien begutachtet, weiß wie kaum ein anderer, worum es geht. Wenn sie, oft in Kooperation mit dem Landeskriminalamt 125 in Berlin, hinzugezogen werden, findet allzu oft ein langes, bagatellisierendes Wegschauen von Ämtern und Umfeld sein Ende. Jede Sorte Ausflucht haben sie am LKA 25 schon von Tätern gehört. Da soll ein Kind „von der Couch gefallen“ sein, ein andres sei eben „ein Wildfang“ und habe sich beim Spielen verletzt, wieder ein anderes habe sich unbekleidet auf eine heiße Herdplatte gesetzt oder plötzlich und grundlos aufgehört zu atmen. Oder, oder, oder.

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