Kirche : Vatikan: Walter Kasper geht von der Baustelle

Kardinal Walter Kasper zieht trotz einiger Irritationen eine positive Bilanz seiner Zeit als theologischer Chefdiplomat des Vatikans.

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„Ökumeneminister“ der katholischen Kirche: Walter Kasper auf dem Katholikentag 2004 in Ulm.Foto: Thomas Lohnes/ddp
„Ökumeneminister“ der katholischen Kirche: Walter Kasper auf dem Katholikentag 2004 in Ulm.Foto: Thomas Lohnes/ddpFoto: ddp

Bis heute weiß Walter Kasper nicht genau, wann der Papst ihn in den Ruhestand schicken wird. Schon seit Wochen sind sich die Journalisten in Rom sicher, Kaspers Nachfolger zu kennen, den neuen „Ökumeneminister“ der katholischen Kirche, den Chef des „Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen und den Dialog mit dem Judentum“ – aber bis auf eine Andeutung, dass er wohl nach dem Peter-und-Paul-Fest am 29. Juni pensioniert werden soll, hat Kasper selbst von Benedikt XVI. nichts gehört.

Zwei Jahre geht das nun schon so. Im März 2008, als er mit 75 Jahren die Pensionsgrenze für Bischöfe erreichte, hatte Kasper dem Papst vorschriftsgemäß seinen Rücktritt angeboten; aber erst jetzt ist er sich sicher, „dass ich am Ende meines Mandats angelangt bin“. Nun will Kasper – „ich bin ein bisschen müde“ – beim gewohnten Urlaub in den italienischen Alpen zunächst einmal Abstand gewinnen. Rom und diesmal auch sein Amt verlässt der schwäbische Kardinal nach elf Jahren mit gemischten Gefühlen: „Einerseits ist es ja völlig normal, mit 77 Jahren in den Ruhestand zu gehen, es ist auch eine Befreiung. Andererseits lasse ich eine Arbeit zurück, die ich immer mit Enthusiasmus getrieben und in der ich eine Baustelle für die Kirche der Zukunft gesehen habe.“

Kaspers Arbeit – das war eine maßgeschneiderte Beschäftigung für einen, der schon mit 31 Jahren eine Professur für Dogmatik bekam und längst als einer der weltweit angesehensten katholischen Theologen gilt: Vom Vatikan aus, seit 2001 mit dem Kardinalsrang bekleidet, also auf der höchsten Hierarchiestufe unter dem Papst, sollte er die theologische Verständigung suchen mit den anderen christlichen Konfessionen. Er sollte das Gespräch auch dann nicht abreißen lassen, wenn es Querschüsse gab – wenn also die römische Glaubenskongregation mal wieder meinte, anderen Konfessionen den Rang von „Kirchen“ absprechen zu müssen, wenn eine evangelische Bischöfin wie Margot Käßmann tönte, „von diesem Papst“ erwarte sie sich „ökumenisch gar nichts“ oder wenn der russisch-orthodoxe Patriarch in Moskau den hoffnungsfrohen katholischen Gesprächspartnern die Tür wies: Mit Leuten, die er verdächtigte, ihm die eigenen Gläubigen wegzumissionieren, wollte Alexeij II. nichts zu tun haben. Zunächst jedenfalls nicht.

Und dann die Juden. Kasper sagt, als Deutscher, „mit dieser Vergangenheit“, habe er anfangs Angst davor gehabt, mit ihnen den Dialog suchen zu sollen. Doch machten sie Kaspers Abstammung nie zum Thema: „Und gerade die Juden waren es, die mich nach einiger Zeit gebeten haben, nicht mehr nur über die Vergangenheit, sondern über die Zukunft zu reden.“

Schwieriger war es schon, die Scharten auszuwetzen, die Papst Benedikt schlug – etwa indem er in der Karfreitagsliturgie wieder für die Bekehrung der Juden beten ließ oder einen Holocaust-Leugner unter den Traditionalistenbischöfen rehabilitierte. Zu diesem Zeitpunkt aber, sagt Kasper, habe „längst eine feste Basis an Verbindungen und Freundschaften bestanden. Da reichte es, einen Brief zu schreiben, Telefonate zu führen, und in zwei bis vier Wochen war die Sache wieder eingerenkt.“

Kasper war in seinen elf „römischen“ Jahren meistens irgendwo in der Welt unterwegs. Als sein „wichtigstes Ergebnis“ betrachtet er das „solide Netz von menschlichen und christlichen Beziehungen“, das „erreicht worden“ sei und das in Zukunft „auch weniger günstigen Winden standhalten“ werde: „Ohne diese persönlichen Beziehungen bleiben alle Erklärungen totes Papier.“

Der „Päpstliche Rat für die Einheit der Christen“ feiert im Herbst sein 50-jähriges Bestehen; nach Kaspers Ansicht ist das der richtige Zeitpunkt für einen Generationswechsel: „Jetzt sollen Jüngere weitermachen; sie haben einen anderen Blick auf die Welt.“ Die alten Ökumeniker wie Kasper kamen aus der Abgrenzung: In ihrer Jugend galt es schon als Sünde, die Kirche einer anderen Konfession auch nur zu betreten. Die Jungen sind mit der Selbstverständlichkeit ökumenischer Gottesdienste aufgewachsen; wenn Kasper es als „größten Erfolg“ bezeichnet, „dass wir uns gegenseitig als Christen schätzen gelernt haben“, zucken sie eher mit den Schultern. Sie stellen andere Fragen – oder sie stellen die sozusagen alles vollendende Frage nach der Möglichkeit eines gemeinsamen Abendmahls in ganz neuer Weise.

Kasper hat dieses Ziel nicht erreicht, er wagt auch nicht vorherzusagen, wie lange „der schwierige Weg“ dorthin noch dauern wird. Aber er fühlt sich „wie ein Kind vor Weihnachten“. Dass zum Begräbnis von Johannes Paul II. und zur Inthronisation von Benedikt XVI. vor fünf Jahren „hochrangige Vertreter von so vielen anderen Konfessionen anreisten wie noch gar nie in zweitausend Jahren Kirchengeschichte“, das wertet er als gewaltiges Zeichen. Gleichzeitig sieht er neue Gefahren für das Streben nach Kircheneinheit. Mit dem zunehmenden Übergewicht der „liberalen Theologie“ bei Protestanten und Anglikanern, mit dem Aufweichen ethischer Positionen etwa in Sachen Ehe und Familie, mit der Weihe von Frauen oder bekennenden Homosexuellen zu Bischöfen „beginnt das, was wir bisher für unser gemeinsames christliches Erbgut gehalten haben, dahinzuschmelzen wie die Alpengletscher“. Neue Spaltungen, gerade unter den Anglikanern, und das stürmische Vordringen von Sekten in Südamerika und Asien zersplittern die ökumenische Landschaft weit stärker als Kasper das je erwartet hatte.

Und so manche Dialogergebnisse – vor allem die Einigung mit den Lutheranern über die Rechtfertigungslehre 1999, die den grundlegenden Streitgegenstand der Reformationszeit aus dem Weg räumte – sind der Welt nicht mehr vermittelbar: „Für den, der nicht mehr weiß, was Sünde ist und was Verstrickung in Sünde bedeutet, hat die Rechtfertigung des Sünders keine Bedeutung mehr.“

Seine „Baustelle“ lässt Kasper zwangsläufig in offenem Zustand zurück. Aber da er sich „nicht vorstellen kann, pensioniert zu sein“, will er sich in Zukunft „wieder meinem Metier, der Theologie, widmen“. Und obwohl die Bindung ans heimatliche Schwaben nie abgerissen ist, obwohl er Haus und Ehrenbürgerschaft hat in Wangen im Allgäu, wohnen bleibt Kasper in Rom: „Mir graut vor einem Umzug. Ich fände es fürchterlich, meine ganzen Bücher ein zweites Mal über die Alpen transportieren zu müssen.“

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