Politik : Kirchen streiten um Stammzellen

Katholische Bischöfe werfen EKD-Chef Huber Belastung der Ökumene vor

Rainer Woratschka

Berlin - Im Streit um die Stammzellforschung verschärft sich der Ton zwischen den Kirchen. Die Haltung des EKD-Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber belaste die Ökumene, sagte der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, am Montag der „Rheinischen Post“. Der bisherige bioethische Grundkonsens, der immer schon bedroht gewesen sei, gerate „ins Wanken“. Huber hingegen bekräftigte sein Plädoyer für eine Verschiebung des Stichtags für den Import embryonaler Stammzellen. Er fürchte, sagte er der „Süddeutschen Zeitung“, dass „eine zu starre Haltung einer viel weiter gehenden Liberalisierung Vorschub leistet“. Im Übrigen störe ihn nicht Kritik, sondern „der Absolutheitsanspruch, mit der sie vorgetragen wird“.

Dabei kommt die Kritik an Huber nicht nur aus der katholischen Kirche. Auch in der eigenen Konfession ist die Position des EKD-Ratsvorsitzenden stark umstritten. Der evangelische Bischof von Braunschweig, Friedrich Weber, gab Huber bereits zu verstehen, dass dieser nicht für die ganze Kirche spreche. Und der Bonner Theologe Ulrich Eibach verteidigt vehement den bisherigen Stammzellkompromiss. „Würde man diese Stichtagsregelung einmal oder vielleicht gar stetig anpassen oder gar fallen lassen, so käme das einer rechtlichen Billigung eines verbrauchenden Umgangs mit Embryonen zu Forschungszwecken wenigstens nahe oder gar gleich“, warnt der Beauftragte der Evangelischen Kirche im Rheinland für Fragen der Ethik in Biologie und Medizin. Die Forschung mit embryonalen Stammzellen nehme den verbrauchenden Umgang mit Embryonen und damit die Relativierung ihrer Menschenwürde „wenigstens billigend in Kauf“, so Eibach. Die Argumente dafür könnten dann „ohne Probleme auf andere Stadien des Lebens, nicht zuletzt des schwer behinderten und endenden Lebens übertragen werden“.

Unterdessen warben am Montag Abgeordnete für eine vollständige Freigabe der Forschung mit embryonalen Stammzellen. Die vorhandenen Zelllinien seien verunreinigt und für die Forschung teilweise unbrauchbar, sagte Ulrike Flach (FDP). Und die einmalige Verschiebung des Stichtages – wie von 185 Abgeordneten um René Röspel (SPD) und Ilse Aigner (CSU) gefordert – helfe wenig, sie werde in fünf Jahren wieder zu ähnlichen Problemen führen. Derzeit dürfen Forscher in Deutschland nur Stammzellen verwenden, die vor 2002 im Ausland gewonnen wurden. Den Antrag auf Forschungsfreigabe unterstützen 94 Parlamentarier, darunter auch die CDU-Politikerin Katharina Reiche. Sie nannte das derzeitige Gesetz eine grundgesetzwidrige Einschränkung“ der Forschung und verteidigte ihre Außenseiter-Position in der Union. Seit Galileo Galilei sei bekannt, sagte sie, „dass Mehrheit und Wahrheit nicht immer identisch sind“. Rainer Woratschka

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