Kirchentag und AfD : Mit dem Feind auf dem Podium

Erstmals bietet der Evangelische Kirchentag der AfD ein Podium. Landesbischof Markus Dröge diskutiert mit einer Vertreterin der Partei. Die Abneigung ist gegenseitig.

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Auf Distanz: AfD-Vertreterin Anette Schultner (zweite von links) und der Berliner Bischof Markus Dröge. Dazwischen die Journalistin Liane Bednarz, ganz links Moderatorin Bettina Warken.
Auf Distanz: AfD-Vertreterin Anette Schultner (zweite von links) und der Berliner Bischof Markus Dröge. Dazwischen die...Foto: Lino Mirgeler/dpa

Kann man als Christ oder Christin in der Alternative für Deutschland sein? In der Sophienkirche in Mitte war das Publikum – gefühlter Eindruck nach der Verteilung von Beifall und Zwischenrufen – am Donnerstagmittag ungefähr so positioniert, wie es in den Wahlumfragen derzeit aufscheint. Einige applaudierten der AfD-Vertreterin Anette Schultner, die keine Schwierigkeiten hat, als Christin in der Rechtspartei zu sein. Die große Mehrheit hielt es mit dem Berliner Landesbischof Markus Dröge, der dafür kein Verständnis aufbringen konnte.

Die Sophienkirche war gut gefüllt, nicht alle, die kamen, durften hinein. Die Stimmung? Zeitweise etwas aufgeregt, ein bisschen „We shall overcome“ zwischendurch, immer wieder erbitterte Zwischenrufe, auch mal höhnisches Gelächter. Aber dann doch weitgehend Sachlichkeit, wenn auch angespannt. Vor allem dieser Auftritt hatte vor dem Berliner Kirchentag die Gemüter bewegt. Es gab Kritik an der Entscheidung der Organisationsleitung, ein Podium einzuplanen, in der sich die AfD darstellen konnte. Bisher war das nicht opportun. Der katholische Kirchentag in Leipzig hatte im vorigen Jahr darauf verzichtet. Kern der Diskussion in der Sophienkirche: Nächstenliebe, und damit Themen wie Fremdenfeindlichkeit, Flüchtlinge, Integration, auch Familie und Heimat.

"Kirchentag ist linkspolitisch"

Schultner ist keine AfD-Führungsfigur, sie vertritt eine Gruppe „Christen in der AfD“, und sie hat einen zweifachen Bruch hinter sich: Zum einen ist sie, als erklärte Konservative, aus der Union ausgetreten, zum anderen aus der evangelischen Kirche, sie ist jetzt freikirchlich engagiert. Kirche und Kirchentag nennt sie „linkspolitisch“, irgendwann fällt auch das Wort „entchristlichten Religion“. Kernaufgabe der Kirche sei Mission, doch sie mache vor allem viel Politik.

Schnell ist Schultner bei der Bibel: Schon damals sei es „undenkbar“ gewesen, „dass jeder in einen fremdes Land gehen kann und dort sofort alle Rechte hat“.  Man wolle ja auch helfen, in aller Welt, aber es könne nicht sein, dass es ganze Völkerwanderungen gibt – man solle den Menschen in ihrem „natürlichen Raum“  helfen. Schultner sprach von Destabilisierung Deutschlands und wandte sich gegen „unkontrollierte Zuwanderung“. Dem hielt Dröge entgegen, dass es eine lange biblische Tradition gebe, Fremde aufzunehmen und auch anzunehmen, gleich welcher Religion, über alle Unterschiede hinweg. Dieses „große Erbe der abendländisch-jüdischen Tradition“ stelle in AfD jedoch infrage.

"Verdreht und verzerrt"

Zudem, stellte Dröge fest, verdrehe und verzerre die AfD gern die Aussagen ihrer Kritiker. Also auch seine. Er habe zum Beispiel nie gesagt, es sei Christenpflicht, nicht in der AfD zu sein. Sondern dass es Christenpflicht sei, sich kritisch mit den Thesen des Rechtspopulismus auseinanderzusetzen. Dröge fuhr fort: „Es geht um glaubwürdiges Christsein, und das spreche ich den Christen in der AfD ab“. Sie würden als „Feigenblatt“ missbraucht, „weil die AfD als Partei gar kein christliches Menschenbild vertritt“. Wie könne man als Christ ein einer Partei sein, die Angst und Misstrauen schüre und Ausgrenzung propagiere? Dem hält Schultner entgegen, dass ihre Partei sehr wohl in der christlich-abendländischen Tradition stehe. Und zwar in der Familienpolitik. Während die evangelische Kirche sich nicht mehr an einem traditionellen Familienbild orientiere, täten das viele Christen aber doch. Dröges Replik: Die EKD stütze die traditionelle Ehe sehr wohl, aber es gebe nicht die „einzig würdige Ehe“.

Auch die Definition von Nächstenliebe trennt den EKD-Bischof und die AfD-Christin. Schultner: „Das Gebot der Nächstenliebe bedeutet nicht, dass ich jeden Menschen auf der Welt wie mich selbst lieben muss.“ Dröge: Das spezifisch Christliche liege darin, über die Liebe zum tatsächlich Nächsten, zu Familie und Heimat, hinaus weiterzugehen zu einer Liebe gegenüber Fremden, ja am Ende sogar zu versuchen, den Feind zu lieben. Ob Dröge das mit Blick auf die AfD schaffen würde? Und Schultner mit Blick auf die evangelische Kirche?

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