Klimaschutz : Korallen statt Staumauern

Vor der Klimakonferenz in Kopenhagen: Der indische Ökonom Pavan Sukhdev plädiert für mehr Investitionen in die Natur, um das Klima zu schützen.

Dagmar Dehmer

Berlin - Sigmar Gabriel (SPD) versteht die „Inwertsetzung der Natur“ als Gegenkonzept zur „Geringschätzung der Zukunft“. Im vergangenen Jahr hat der deutsche Umweltminister gemeinsam mit der Europäischen Union den indischen Ökonomen Pavan Sukhdev beauftragt, den Wert globaler Ökosysteme zu bewerten und abzuschätzen, wie hoch die Kosten ihres Verlustes sind. Am Mittwoch stellte Sukhdev gemeinsam mit Gabriel und dem Chef des UN-Umweltprogramms (Unep) Achim Steiner einen Zwischenbericht über die Klimawirkungen von Ökosystemen vor.

Die alarmierende Botschaft von Pavan Sukhdev lautet: „Selbst wenn der Weltklimagipfel in Kopenhagen im Dezember erfolgreich verläuft, wird das die Korallenriffe nicht mehr retten.“ Die Wissenschaft sei sich einig, dass großflächige Korallenbleichen auftreten, seit der Kohlendioxidanteil in der Atmosphäre etwa 320 ppm (Teilchen pro einer Millionen Luftbestandteile) erreicht hat. Zudem wird CO2 aus der Luft im Meer gebunden und führt dort zu einer Versauerung der Ozeane. Korallen müssen zum Aufbau und zur Regenerierung der Riffe aber Kalk bilden, was in einem sauren Milieu nur noch schwer oder gar nicht mehr möglich ist. Seit 1950 habe die Welt etwa 20 Prozent der Korallenriffe verloren, sagt Sukhdev.

Die Folgen sind kostspielig. Korallenriffe erbringen nach Sukhdevs Berechnungen jährlich rund 150 000 Dollar Einnahmen pro Hektar. „Der materielle Nutzen der Korallenriffe liegt bei etwa 172 Milliarden Dollar jährlich“, sagt er. In diese Summe gehen Fischfang, Küstenschutz und Tourismus ein. Rund eine halbe Milliarde Menschen sei unmittelbar von Korallenriffen abhängig, um sich zu ernähren. Um die Riffe zu retten, müsste in Kopenhagen Einigkeit darüber erzielt werden, dass der CO2-Anteil in der Atmosphäre dauerhaft bei 350 ppm stabilisiert werden müsste. Derzeit liegt er aber schon bei 387 ppm. Die Begeisterung von Sigmar Gabriel, aber auch von Karl Falkenberg, dem Generaldirektor für Umwelt bei der Europäischen Kommission, knapp 100 Tage vor der Kopenhagener Konferenz über anspruchsvollere Klimaziele nachzudenken, hielt sich jedoch in Grenzen. Falkenberg sagte ungelenk: „Wissenschaftliche Erkenntnisse erweitern die Problematik“. Damit meinte er wohl: Wenn sich der Klimagipfel auf 450 ppm einigen könnte, wäre das ein ziemliches Wunder.

Pavan Sukhdev ging es aber gar nicht darum, die Verhandlungen zu verkomplizieren, sondern vor allem darauf hinzuweisen, dass Investitionen in die „ökologische Infrastruktur“ billig zu haben sind, und einen hohen Klimanutzen haben können. Der Versuch, den Schutz der Tropenwälder in ein neues Klimaabkommen aufzunehmen, weise in diese Richtung. Sukhdev meint aber noch mehr, nämlich alle „natürlichen Systeme, die uns Leistungen bieten, ohne die wir kaum überleben könnten“: Wasser, Wälder, Böden. „Eine der ersten Folgen der globalen Erwärmung ist, dass Bauern auf ihrem Land weniger produzieren können“, sagt Sukhdev. Um sich an den Klimawandel anzupassen, müssten die Böden fruchtbarer werden, sie müssten erhalten, Erosion verhindert werden. Wälder könnten dabei helfen. „Bäume können den Boden besser halten, und Wälder sind essenziell für den Wasserhaushalt. All das erhöht die Erträge der Landwirtschaft.“

Mit Blick auf die unabwendbaren Folgen des Klimawandels und eine mögliche Anpassung daran hält Sukhdev aber auch das Anlegen von Mangrovenwäldern, wo sie abgeholzt worden sind, für eine sinnvolle Investition. Denn Mangroven könnten Menschen vor den Folgen von Sturmfluten schützen. Auch Korallenriffe können die Wucht von tropischen Wirbelstürmen bremsen. Eine andere klimarelevante Investition sei die Bewässerung von Sumpfgebieten, die zuvor trockengelegt worden sind. Sumpfgebiete können große Mengen CO2 dauerhaft binden, andererseits werden durch die Zerstörung von Mooren oder Sümpfen auch überproportional hohe Treibhausgasemissionen freigesetzt. Sigmar Gabriel will deshalb in der nächsten Legislaturperiode gerade für den Schutz von Mooren und Wäldern und deren Rehabilitierung einen neuen „Finanzausgleich“ etablieren. Ziel müsse sein, dass die landwirtschaftliche Nutzung von Mooren und die damit verbundene Freisetzung von Treibhausgasen für die Bauern teuer werde. Das so eingenommene Geld wiederum könnte denen zugutekommen, die die Wiedervernässung von Mooren bisher aus ihren eigenen Mitteln finanzieren. Als Beispiel nannte er das Land Mecklenburg-Vorpommern, das seit dem Jahr 2000 erhebliche Mittel dafür investiert habe, ohne irgendetwas zurückzubekommen. „Ich bin ja für Marktwirtschaft“, sagte Gabriel.

Dafür ist Pavan Sukhdev auch, der feststellt: „Es ist billiger in die ökologische Infrastruktur zu investieren als in immer höhere Staudämme. Diese Investitionen bringen sehr hohe soziale Erträge.“ Deshalb hoffe er, dass die Regierungen in Kopenhagen einen Teil ihrer Investitionen für die Anpassung für die Rehabilitierung von ökologischer Infrastruktur zur Verfügung stellen. „Wälder sind die ältesten Kohlendioxidspeicher, die wir kennen. Und es gibt keine negativen Nebenwirkungen. Warum also sollte man nicht tun, wovon man weiß, dass es funktioniert?“

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