Politik : Klimaschutz: Schadensbegrenzung im Eilverfahren

Barbara Halsig

Das Treffen in der kanadischen Hauptstadt Ottawa kam urplötzlich, selbst die Adresse war zwei Tage lang Geheimsache, und ebenso die Identität der Teilnehmer: eineinhalb Wochen nach dem Scheitern des UN-Klimagipfels in Den Haag suchten hohe Beamte aus etwa einem Dutzend Industriestaaten nunmehr im Eilverfahren hinter verschlossenen Türen den "Brückenschlag" zu finden.

So geheim war die Konferenz, die "Donnerstag oder Freitag" enden sollte, dass selbst Unklarheit über die Teilnehmerstaaten herrschte. Kanadas Medien und Umweltschutzgruppen meldeten, es handele sich um Mitglieder der sogenannten "Schirm-Gruppe" - USA, Kanada, Australien und Japan - sowie auf der anderen Seite die Europäische Union mit Deutschland, Belgien, Schweden, Großbritannien und die EU-Kommission. Zentrales Thema sei die von den Europäern abgelehnte Forderung der Nordamerikaner, bei der im Kyoto-Protokoll vorgegebenen Reduktion von Kohlendioxid-Ausstößen die immensen Wälder als "Kredite" zu verrechnen, weil sie das Treibhausgas CO

2 speicherten.

Unter kanadischen Beobachtern herrscht die Ansicht, das Treffen habe Dringlichkeitscharakter, weil die Beteiligten dem Wechsel im Weißen Haus zuvorkommen wollten. So vermutet der Klimaexperte der Umweltschutzorganisation Sierra Club of Canada, John Bennett: Da der industriefreundliche Republikaner George W. Bush als Sieger gehandelt werde, hätten Präsident Bill Clinton wie auch die zumeist demokratisch nominierten Unterhändler ebenso wie die Europäer ein Interesse daran, das Kyoto-Protokoll vor der Ablösung in die Tat umzusetzen. Bennett drückte dies so aus: "Ich glaube, die Welt wäre wesentlich besser dran, wenn George Bush eine intakte Vereinbarung präsentiert werden könnte".

Falls das Treffen in Ottawa Fortschritte bringt, könnten sich bereits kommende Woche Verhandlungen auf Ministerebene in Oslo anschließen, hieß es in Ottawa. Umweltschutzminister John Anderson, der sich offenbar intensiv für die Kompromisssuche in Ottawa eingesetzt hat, untermauerte dennoch erneut den Standpunkt, dass Wald-"Speicher" sowie der Export umweltschonender Technologie in Entwicklungsländer eine Anrechnung verdienten. In Interviews abseits des "Geheimtreffens" betonte der Minister, reiche Länder sollten dafür belohnt werden, dass sie den Ausstoß der Treibhausgase reduzierten. Es sei dabei egal, wo in der Welt dies geschähe. "Das Ziel des (Kyoto)-Vertrags ist die Begrenzung von Treibhaus-Emissionen. Und eine Tonne Treibhausgas aus Kanada ist nicht schlimmer als eine Tonne , die aus Kolumbien kommt".

Bennett sieht in dieser Haltung den Beweis, dass Kanada und den USA vornehmlich daran gelegen sei, die eigene Industrie vor den Kyoto-Zielvorgaben zu schützen. Mit den verlangten Krediten wäre Kanada sogar in der Lage, statt der sechsprozentigen Reduktion der 1990-er Werte den heutigen Ausstoß zu steigern, sagte Bennett. "Ich bin sehr glücklich darüber, dass die EU nicht nachgegeben hat."

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