Politik : Köööstlich!

Neapolitanisches Fricassée im Raffaelsaal

Peter Buske

„Ich sein gutt Teutscher, jo! Ich bechern guten Trunk“. Klingt nach Türkdeutsch mit Trappatoni-Einschlag. Oder nach schlechter deutscher Übersetzung. Was der des originalen Italienisch nicht mächtige Zuhörer und Genießer eines „Neapolitanischen Fricassée“, das ihm die Musikfestspiele im übervollen Raffaelsaal der Orangerie Sanssouci als einen derb-deftigen Mix aus mehrstimmigen Kompositionen mit verschiedenerlei klein geschnittenen Texten servieren, natürlich nicht beurteilen kann. Also verlässt er sich auf die ihm vertraute Wortübertragung. Und muss von Anfang bis Ende des vergnüglichen Zwei-Stunden-Menüs die ausführliche „Speisekarte“ mitlesen, was ihm die Autoren und das sehr aufmerksame Servicepersonal in Gestalt des Ensembles „Doulce Mémoire“ vorsetzen.

Acht Sänger, paarweise auf die üblichen Stimmgruppen verteilt, und zwei Instrumentalisten mit Renaissancegitarren und Kurzhalslauten lassen dabei nichts anbrennen oder kalt werden. Mitunter greift der Maitre de cuisine, Maestro Denis Raisin Dadre, zur Blockflöte, um gemeinsam mit Pasquale Boquet und Miguel Henry in instrumentalen Interludien zu glänzen.

Als Vorspeise servieren sie ein „Bestiarium“, in der die Sprache der Tiere auf menschliche Verhaltensweisen übertragen wird – wenn Hahn auf Henne trifft … Bereits hier können die Vokalartisten mit ihrer Kunst der Lautmalerei und Stimmenimitation begeistern, um im nachfolgenden Serviergang „Die Sprache der Teutonen“, später dann der Afrikaner, Gauner, Griechen, Buranesen, Bologneser und Venezianer, köstlich zu parodieren. Mit ihren instrumental geführten Stimmen wissen die in wechselnden Besetzungen auftretenden komödiantischen Kehlkopfakrobaten die kunstvollsten mehrstimmigen, von chansonesken und madrigalischen Einflüssen geprägten Melodien anzustimmen, um abrupt in keifende, ordinäre, plärrend-psalmodierende Töne zu verfallen. Und wer den dazu passenden Deutschtext findet, ist fein raus, kann sich der sinnenkitzelnden Vergnügungen bis hin zum lustvollsten Stimmenwirrwarr nicht erwehren.

Auch beim Auftischen weiterer Hauptgänge mit ihren ergötzlichen Wortspielen, Zweideutigkeiten, diversen Anmerkungen über Liebe, Treue und Trinken („Ich sein guter Geselle, ich trinken aus große Flasche“) erweist sich „Doulce Mémoire“ als eine Komödiantentruppe der erlesenen Art, nicht etwas als eine Klamottencrew.

Ihre exquisite Stimmkultur und ausgeprägten Stimmtypen bürgen dafür, unter anderem ein liebessehnsuchtvoller, dann schriller Sopran; ein geschmeidiger, dann plärrender Altus; ein tiefröhrender Bass, der immer mal wieder das letzte Wort haben will und die anderen regelrecht zum Verstummen bringt. In burlesken Karnevals-„Maskeraden“ der Fischer, Bettlerinnen, Dottori, Tanzmeister und anderer Figuren der Commedia dell’arte bringen musikalische Meisterköche wie Orlando di Lasso, Lodovico Novello, Giovanni Croce oder Orazio Vecchi die köstlichsten Eingebungen auf die Teller der Hörgourmets.

Stürmischer Beifall, zwei Zugaben – ich gutt Laune, jo!Peter Buske

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