Politik : Kolumbien: Der lange Lauf zum Frieden

Vater eines Entführten setzt Uribe unter Druck

Bogotá - Der verzweifelte Kampf eines Vaters für seinen entführten Sohn hat die leidgeprüfte kolumbianische Gesellschaft erschüttert wie selten zuvor und das Geiseldrama in den Mittelpunkt der politischen Debatte katapultiert. Der Lehrer Gustavo Moncayo war in 46 Tagen mehr als 1000 Kilometer aus der abgelegenen Provinz Narino im Südwesten des Landes bis nach Bogotá marschiert. Auf dem zentralen Bolivar-Platz der Hauptstadt werde er so lange kampieren, bis sein vor fast zehn Jahren von den marxistischen Farc-Rebellen verschleppter Sohn, der damals erst 19-jährige Soldat Pablo, freigekommen sei, kündigte er an. „Held Moncayo“ titelten Zeitungen, aber auch „Und nun?“.

Für das Schicksal der schätzungsweise 3000 Entführungsopfer machte Moncayo Rebellen und Regierung gleichermaßen verantwortlich und traf damit den Nerv des konservativen Präsidenten Alvaro Uribe. „Sie sind nicht Herr über Leben und Tod“, ging er den unnachgiebigen Staatschef bei einem ungewöhnlichen Rededuell an.

Der Mann aus der Provinz tritt bescheiden auf und streitet nicht mehr nur für „berühmte“ Geiseln wie etwa die frühere Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt, sondern für die „vergessenen“ Entführungsopfer aus dem Volk. Außenminister Fernando Araujo, dem Ende vergangenen Jahres nach sechs Jahren als Farc-Geisel die Flucht gelungen war, warf Moncayo unterdessen „Prinzipienlosigkeit“ vor. Der Lehrer stelle das Eigeninteresse über die Belange eines wehrhaften Staates.

Aber je näher der 55-Jährige der Hauptstadt kam, desto populärer wurde er. Von Tag zu Tag begleiteten ihn mehr Menschen ein Stück des Weges, um ihm und damit allen Opfern Mut zu machen.

Moncayos Einzug in die Hauptstadt glich einem Triumphzug. „Das Schicksal der Geiseln bewegt jetzt nicht mehr nur die Angehörigen, sondern es geht alle Kolumbianer an“, sagte ein Passant im Fernsehen. Schon die Schilderungen des Polizisten Jhon Pinchao, dem nach acht Jahren und sechs Monaten in der Gewalt der Farc Mitte Mai die Flucht gelungen war, hatte ein Schlaglicht auf das grausame Schicksal der Geiseln geworfen. „Die Verschleppten erkranken an Hepatitis, leiden an Bluthochdruck und Rheuma“, sagte er. Nachts würden die Opfer mit Ketten um den Hals aneinandergefesselt. Ende Juni, als Moncayo seinen Protestmarsch schon begonnen hatte, kam eine weitere schlimme Nachricht: Elf im April 2002 verschleppte Parlamentarier seien bei einem Feuergefecht der Rebellen mit unbekannten Angreifern im Kreuzfeuer getötet worden, teilte die Farc mit.

Die Wut der Bevölkerung über die Geißel der Gewalt, die Kolumbien seit mehr als 40 Jahren im Griff hat, entlud sich bei Protestaktionen, an denen sich im Laufe des 5. Juli 40 Millionen der insgesamt 43 Millionen Kolumbianer beteiligten. Uribe spürte die Gefahr, die von Moncayo ausging. Demonstrativ besuchte er den Lehrer in seinem Zelt. Anschließend bot er an, alle Rebellen auf freien Fuß zu setzen, wenn die alle Geiseln freiließen. Moncayo warf dem Staatschef vor, mit den Vorschlägen nur Aktionismus zu betreiben. Dann brach er in Tränen aus. dpa

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