Kolumne: Einträge ins Logbuch : In den Netzen der Gewalt

Der Schriftsteller Deniz Utlu zeigt, dass sich auch sechs Jahr nach der Aufdeckung des NSU noch nicht genug getan hat.

Deniz Utlu

Im Herbst ist es sechs Jahre her, dass sich der NSU enttarnt hat. Der Prozess um Beate Zschäpe nähert sich dem Ende. Die relevantesten Fragen hat er nicht gestellt. Antworten hat er keine gefunden. Stattdessen hat eine staatliche Behörde Akten vernichtet.

Ist Deutschland ein anderes Land geworden? Haben die Polizeibehörden ihren strukturellen Rassismus überwunden oder wenigstens verringert, sodass sie nicht mehr zwanghaft unterstellen würden, dass rohe Gewalt eine Sache der migrantischen Gemeinschaften ist und einer deutschen Kultur widerspricht? Das hatte Kriminalhauptkommissar Udo Haßmann in seiner Fallanalyse 2007 zu der Ermordung von „Neun Kleingewerbetreibenden mit ausländischem Hintergrund“ geschrieben. „Die Tötung von Menschen in unserem Kulturkreis“, heißt es da, sei „mit einem hohen Tabu belegt“. Dabei hatten Angehörige und Freunde der Opfer bereits 2006 nach dem Mord an Halit Yozgat in Kassel unter dem Motto „Kein zehntes Opfer“ demonstriert und Staat, Gesellschaft und Polizei dazu aufgerufen, weitere Opfer rassistischer Gewalt zu verhindern.

Wer ist der NSU-Komplex?

Nichts wurde verhindert. Wurde der Verfassungsschutz abgeschafft oder ausreichend reformiert? Wurde der NSU-Komplex aufgelöst? Es ist viel einfacher, sich auf das Narrativ zu einigen, dass drei Neo-Nazis verrücktgespielt haben, als sich einzugestehen, dass der Finger am Abzug möglicherweise in eine Hand führte und die Hand zu einem Körper gehörte, der finanziert, geschützt, versteckt, unterstützt wurde. Und dass diese Finanziers und Schützer vielleicht immer noch unbehelligt unter uns leben und womöglich jetzt gerade, während ich diese Sätze schreibe, einen anderen gewaltvollen Körper finanzieren, schützen oder unterstützen. Wer ist der NSU-Komplex?

Spezialisten übernahmen die Aufgaben des Staates

Einen Teil dessen, was der Staat versäumt hat – verwenden wir ruhig das Wort „unterlassen“ –, einen Teil dessen, was der Staat unterlassen hat, übernahm das Aktionsbündnis „Das Tribunal NSU-Komplex auflösen“: Es hat Spezialisten vom Londoner Goldsmith College dazu eingeladen, den Mord an Halit Yozgat in seinem Internet-Café in Kassel wissenschaftlich zu untersuchen. Ein Beamter des Verfassungsschutzes Hessen war bei diesem Mord anwesend und hat behauptet, nichts davon mitbekommen zu haben. Das Gericht hatte ihm trotz der hohen Unwahrscheinlichkeit geglaubt. Die Spezialisten vom Goldsmith College haben das Café nachgebaut und mithilfe technologischer Mittel Gerüche, Geräusche und Bewegungen simuliert. Mit einem „Eye-Tracker“, also in- dem sie Augenbewegungen verfolgten, konnten sie nachstellen, was der Verfassungsschützer Andreas T. alles gesehen haben musste. Das Ergebnis der Wissenschaftler: T. hat die Schüsse gehört und dann die Leiche gesehen und ist eventuell den Mördern begegnet. Obwohl das Forensic Architecture Institute als Gutachter in internationalen Gerichtsverfahren etabliert ist, wurde es vom Gericht in München nicht zugelassen.

Noch verbreiten sich die Netze der Gewalt

Das Tribunal hat übernommen, was Aufgabe des Staates gewesen wäre und was zum Beispiel das Innenministerium, das verantwortlich ist, hätte einfordern müssen. Machen wir uns nichts vor, es ist noch ein weiter Weg, bis wir unsere Gesellschaft so eingerichtet haben, dass vulnerable Gruppen nicht bekämpft werden, sondern geschützt. Noch verbreiten sich die Netze der Gewalt eher. In den Herzen, in den Köpfen und in den Lieferketten selbstgebauter Sprengsätze. In ihrer Anklageschrift klagt das „Tribunal NSU-Komplex auflösen“ fast hundert Personen an. Darunter Politiker, Journalisten, Polizisten, Beamte des Verfassungsschutzes, Nazis und deren Freunde. Die Netze reichen weit. Wenn wir uns genau abtasten, entdecken vielleicht auch wir den einen oder anderen Knoten dieses Netzes unter der Brust.

Deniz Utlu ist Schriftsteller. Er schreibt seit Juni 2017 im wöchentlichen Wechsel mit Pascale Hugues eine Kolumne im Tagesspiegel am Samstag. Lesen Sie hier ein Porträt.

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