Kolumne von Pascale Hugues : Grenzkontrollen sind aus einer vergangenen Zeit

Gibt es wieder Grenzkontrollen? Szenen aus einer fernen Vergangenheit kommen in den Sinn - als ein Zöllner noch allmächtig war. Eine Kolumne.

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Ein deutscher und ein polnischer Polizist räumen am Grenzübergang Forst-Sacro gemeinsam ein Stoppschild zur Seite. Das war Ende 2007, zum Beitritt Polens zum Schengen-Raum.
Ein deutscher und ein polnischer Polizist räumen am Grenzübergang Forst-Sacro gemeinsam ein Stoppschild zur Seite. Das war Ende...Foto: dpa

Während in Europa einige Länder Mauern errichten und erneut Stacheldraht spannen, während sich die Rufe nach der Wiedereinführung europäischer Grenzkontrollen mehren, fallen uns Szenen aus einer fernen, fast vorsintflutlichen Vergangenheit ein.

Ich bin in Straßburg aufgewachsen, einer Grenzstadt, die als Objekt sämtlicher nationalistischer Begierden seit Jahrhunderten daran gewöhnt war, bald von Deutschland, bald von Frankreich gekidnappt zu werden. Die Brücke zwischen Straßburg und Kehl ist ein gutes Beobachtungsgebiet, um die Geschichte Europas zu verstehen, die Notwendigkeit, sich vor Migrationsströmen zu schützen oder, anders herum, die Arme weit zu öffnen für Neuankömmlinge. Lange her sind die Zeiten, in denen eine gedachte Linie auf der Brücke zwischen Frankreich und Deutschland verlief. Außer zwei schlaffen Flaggen, die sich bei Wind stolz aufblähen, kennzeichnet heute nichts mehr den Übergang von einem Land ins andere. Die zwei Zöllnerhäuschen stehen verlassen da, keine lebende Seele und erst Recht kein Repräsentant der Staatsmacht mit Schirmmütze und Uniform befindet sich in dieser unnützen Schleuse zwischen unseren beiden Ländern.

Als ich ein Kind war, musste sich jeder, der die deutsch-französische Grenze überqueren wollte, einem sehr strikten Ritual unterwerfen. Was für eine Expedition, wenn wir Straßburger sonntags im Schwarzwald spazieren gingen, wenn wir in Offenburg Einkäufe erledigten oder wenn wir auf der deutschen Autobahn in Richtung Österreich oder Schweiz fuhren, weil sie im Gegensatz zu unserer gratis und ohne Geschwindigkeitsbegrenzung ist. Der Familienwagen reihte sich erst einmal in die lange Warteschlange ein, die sich im Stop-and-Go-Tempo voran bewegte. Zunächst musste man den französischen Zoll passieren, um das Nationalterritorium zu verlassen.

Der Zöllner war allmächtig und wir im Familienpeugeot ganz klein

Sofort danach kontrollierte der inquisitorische Blick des deutschen Zollbeamten unsere Identität. Welche Aufregung, wenn der Zöllner die Öffnung des Kofferraums anordnete und zwischen unserem Gepäck und den Picknickkörben herum wühlte! Wir Kinder auf der Rückbank waren in Angst und Schrecken. Und dann diese langhaarigen Jesusgesichter, aufgereiht auf den Fahndungsplakaten. Ganz Deutschland suchte die RAF-Terroristen. Hanns Martin Schleyer war nicht weit von dort gefunden worden, im Kofferraum eines Wagens in Mulhouse. Endlich, die blaue Stempeltinte im Pass und die ausladende Handbewegung, dazu ein Ton, der keinen Widerspruch erlaubte: „Weiter, bitte!“ Der Zöllner war allmächtig und wir im Familienpeugeot ganz klein. Aber das war noch nicht alles. Das Auto musste noch an der Straßenseite geparkt werden, um in den Wechselstuben Francs in Deutsche Mark zu tauschen. Dann konnte die Reise endlich beginnen.

Der Übergang am Checkpoint Charlie vor dem Mauerfall lässt ähnliche Erinnerungen aufkommen. Schikanen, Neonlicht, der Geruch von Reinigungsmitteln, Kabinen mit kleinen Vorhängen für Leibesvisitationen – die innerdeutsche Grenze war natürlich noch viel bedrohlicher als die Brücke nach Kehl. Sie verschwand innerhalb weniger Wochen. Andere entstanden. Ich erinnere mich an den einsamen Grenzposten bei Tagesanbruch im grauen Nieselregen auf der Kurischen Nehrung. Er wachte über die neue Grenze zwischen der russischen Enklave Kaliningrad und dem gerade unabhängig gewordenen Litauen. Nie erschien mir die Lächerlichkeit eines zufällig gezogenen Strichs, mitten auf dieser Straße, mitten in einem Wald auf einer Halbinsel, derart absurd.

Wie merkwürdig ist es, vor einer Auslandsreise ein Visum zu beantragen

Dies sind die Bilder von Grenzen, deren Existenz wir in Westeuropa vergessen haben. Wie merkwürdig es ist, vor einer Auslandsreise ein Visum zu beantragen! Erst am Flughafen Schönefeld merkt man, dass der Pass noch zuhause liegt. Und der Pass, der seit Jahren in den Tiefen einer Schublade ruht, läuft unbemerkt ab - wenige Tage vor einer Reise in hyperbewachte Länder wie die USA oder Israel. Wir hatten die Gewohnheit der Kontrolle verloren, bis die Flüchtlingskrise und Hunderttausende Menschen auf der Suche nach einem besseren Leben die Grenzfrage wieder aufwarfen. Die Bewegungsfreiheit ist eine der zahlreichen Errungenschaften der Europäischen Union, ein Recht, das niemand jemals hätte in Frage stellen wollen. Die Zöllner, die Wachhäuschen und die Schlagbäume auf der Brücke von Kehl erschienen als Teil einer längst vergangenen Folklore. Für wie lange noch?

Aus dem Französischen übersetzt von Angie Pohlers.

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