Politik : Kommt der Wolf - kommt er nicht? (Leitartikel)

Malte Lehming

Vorsicht, der Wolf kommt! Als die Menschen die Warnung des Jungen hörten, eilten sie aus dem Dorf herbei, um die Schafe auf der Weide zu schützen. Aber der Wolf kam nicht. - Vorsicht, der Wolf kommt! Beim zweiten Mal eilten die Menschen wieder herbei. Aber der Wolf kam wieder nicht. - Vorsicht, der Wolf kommt! Beim dritten Mal nahm den Jungen niemand mehr ernst. Die Menschen blieben im Dorf, und der Wolf konnte in aller Ruhe ein Schaf nach dem anderen verspeisen.

Ist Jörg Haider ein neuer Adolf Hitler? Getarnt als Wolf im Schafspelz? Die Alarmsirenen heulen. Das taten sie schon oft. Saddam Hussein war Hitler, Slobodan Milosevic war Hitler. Manchmal muss man etwas lauter schreien, so heißt es, um die Menschen wachzurütteln. Um sie auf Gefahren aufmerksam zu machen, um das Unheil zu verhindern. Deshalb wird seit Jahren etwas lauter geschrien, als die Wirklichkeit im Nachhinein zu rechtfertigen scheint. Die Vietnamkriegsgegner riefen "USA-SA-SS". Anschließend starben die Wälder, und eine ökologische Apokalypse stand unmittelbar bevor. In den achtziger Jahren drohte der "atomare Holocaust". Viele Jahre lang war es "fünf Minuten vor zwölf". Später folgten der "Krieg der Sterne", und durch Wiedervereinigung und Asylgesetzänderung sah man das "Vierte Reich" am Horizont. Inzwischen konzentrieren sich die dunklen Fantasien auf die Auswirkungen der Gentechnologie sowie der Klimakatastrophe. Kann zu viel Alarm taub machen?

Die Frage ist nicht leicht zu beantworten. Im Ökologie- und Wissenschaftsbereich war ein gewisser Alarmismus, historisch betrachtet, durchaus berechtigt. Die möglichen Folgen der Atomtechnologie mussten wohl erst in ihrer extremen Form geschildert werden, um überhaupt verstanden zu werden. Das Überziehen des Tones war eine nützliche Waffe im Kampf gegen die Trägheit des Denkens. Ohne die Apokalyptiker wäre es um die Umwelt heute sicher noch schlechter bestellt, als es ohnehin ist. Das Aussprechen düsterer Visionen kann helfen, das Eintreffen einer düsteren Realität zu verhüten.

Trotzdem bleibt ein Unbehagen. Fanfarenstöße, die zu oft ausgestoßen werden, hört am Ende keiner mehr. Wir stumpfen langsam ab. Wenn schon Haider ein neuer Hitler ist, als was werden wir einst einen neuen Hitler bezeichnen? Wenn Sprache nur noch auf Wirkung bedacht ist und nicht mehr darauf, eine Sache bei ihrem Namen zu nennen, dann wird das Vertrauen in die Sprache untergraben. Wenn Menschen nicht mehr das sagen, was sie für richtig halten, sondern das, wovon sie annehmen, das es die größte Wirkung erzielt, dann verschwimmen die Unterschiede zwischen Wahrheit und Taktik bis zur Unkenntlichkeit. Vielleicht wird erst jene Katastrophe eintreten, die keiner mehr ernst genommen hat, weil zu lange und zu oft und zu laut vor ihr gewarnt worden war. Vorsicht, der Wolf kommt.

Ist Haider ein neuer Hitler? Das zweite Unbehagen, das diese Frage auslöst, hat weniger mit Haider als mit Hitler zu tun. Wer Hitler zum Beispiel mit Stalin gleichsetzt, gerät in den Verdacht des Revisionismus. Das Dritte Reich und der Holocaust sind derart einzigartig gewesen, heißt es dann, dass so ein Vergleich die Nazi-Verbrechen relativiert. Das aber gilt für jeden Vergleich. Man kann vor Haider warnen, ohne Hitler zu bemühen - und damit zu verharmlosen.

Das Problem ist nur: Der Alarmist hat immer recht. Geschieht das Unglück, hat er es prophezeit, geschieht es nicht, dann deshalb, weil er davor gewarnt hat. Die Sprache aber und die Vernunft, die bleiben dabei meist auf der Strecke.

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